Lidl will mit Loeb seinen Ruf aufmöbeln

Der Discounter mietet sich in Bern und Biel bei Loeb ein. Das ist Teil von Lidls Strategie gegen das Billigst-Image.

Orell Füssli geht, Lidl kommt: Bis heute hat die Discounter-Kette global rund 10'000 Filialen, in Bern bislang noch keine.

Orell Füssli geht, Lidl kommt: Bis heute hat die Discounter-Kette global rund 10'000 Filialen, in Bern bislang noch keine.

(Bild: Adrian Moser)

Mischa Stünzi

Wäre die Mitteilung am 1. April gekommen, man hätte sie wohl im ersten Moment für einen Scherz gehalten. Das traditionsreiche Berner Warenhaus Loeb und der deutsche Discounter Lidl spannen zusammen. Auf zwei Stockwerken eröffnet Lidl 2022 mitten in Bern beim Loebegge eine Filiale – dort, wo aktuell noch Orell Füssli Bücher verkauft. Bereits diesen Sommer wird sich der Discounter im Loeb in Biel einmieten.

Die Berner erhoffen sich vom neuen Mieter vor allem eines: Er soll zum «Frequenzbringer» werden, wie Loeb-Chef Ronald Christen in der Mitteilung zitiert wird. Lidl soll mit einem Vollsortiment aus Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs Kunden in die Warenhäuser locken. Im In- und Ausland habe sich diese Kombination bewährt: oben das Warenhaus, im Untergeschoss ein Lebensmittelangebot.

Ein räumlich getrenntes Lebensmittelangebot wie im Loeb Lebensmittel hat als Frequenzbringer für das Warenhaus offenbar kaum funktioniert. Der Standort wird aktuell zur Gastronomie-Zone umgebaut. Die Neupositionierung von Loeb Lebensmittel erfolge unabhängig von Lidls Einzug im Haupthaus, teilt Loeb auf Anfrage mit. Die Partnerschaft mit lokalen Händlern wie dem Reformhaus, Ferrari, Tang Thai und Ueli dr Beck sei deshalb nicht tangiert.

Zürich als Vorbild

Lidl seinerseits ging auf Loeb zu. Offenbar möchte der Detailhändler von Loebs Ruf als eher gehobenes Warenhaus profitieren. Die Deutschen kämpfen in der Schweiz seit jeher gegen das Image als Billigst-Discounter. Zu diesem Zweck setzen sie beispielsweise auf Imagekampagnen mit Schweizer Produkten, bauen laufend ihr Bio-Sortiment aus, sind letztes Jahr eine Partnerschaft mit der Umweltorganisation WWF eingegangen und dringen – gleich wie Konkurrent Aldi – seit neustem in die Stadtzentren vor.

Im November 2017 hat Lidl in Zürich an zentraler Lage im Neorenaissance-Bau der ehemaligen Fraumünsterpost eine Prestige-Filiale eröffnet. Sie dient nun als Vorbild für die Niederlassungen in Bern und Biel und war der Auftakt für die weitere Expansion in Schweizer Innenstädte. Die Filiale in Zürich wirke gar nicht so billig, wie manche befürchtet hatten, urteilte die NZZ 2017. Helles Holzimitat als Bodenbelag und nicht allzu vollgestopfte Regale sorgten für «eine gewisse Wertigkeit». Ähnliches darf man in Bern und Biel erwarten. Immerhin lässt sich Lidl den Ausbau der beiden Filialen rund 3 Millionen Franken kosten.

Es ist zwar vorstellbar, dass solche Niederlassungen an Toplagen für Lidl gar nicht unbedingt rentieren müssen, sondern primär zu Werbe- und Imagezwecken betrieben werden. Der Detailhandelsexperte Gotthard Wangler zweifelt allerdings nicht am wirtschaftlichen Erfolg städtischer Lidl- und Aldi-Filialen. «Natürlich kommt kein Kunde mit zwei prall gefüllten Einkaufstüten aus solchen Läden. Aber das machen die mit hohen Frequenzen wett.» Für die bestehenden Anbieter in Bern sieht Wangler trotzdem kein Problem. Natürlich gebe es einen zusätzlichen Konkurrenten, aber in Bern habe es Platz für alle. Die Expansion der Discounter in die Innenstädte führt Wangler primär darauf zurück, dass die guten Standorte auf der grünen Wiese bereits besetzt seien.

Hier billig, da teuer

Fürchtet man bei Loeb nicht, dass die eigene Marktpositionierung als Traditionsunternehmen mit hohem Qualitätsbewusstsein unter dem neuen Mieter leiden könnte? Bei Loeb verweist man auf den «hybriden» Käufer. Konsumentinnen und Konsumenten hätten heute sehr vielfältige Bedürfnisse. Als Warenhaus sei es Loeb ein Anliegen, möglichst alle Bedürfnisse abzudecken. Ein «hybrider» Konsument könne ohne weiteres preiswertes Waschmittel kaufen und sich gleichzeitig ein Paar schöne Lederhandschuhe leisten.

Aus diesem Grund rechnet Wangler auch nicht damit, dass die lokalen Händler im Loeb Lebensmittel durch Lidl stark unter Druck kommen werden. «Migros und Coop haben ja auch Sélection und Fine Food neben Budget und Prix Garantie im Sortiment. Das Funktioniert dort bestens.»

Längere Öffnungszeiten

Mit dem Standort im Loeb erhält Lidl auch Zugang zum lukrativen Bahnhof Bern. In keinem anderen Bahnhof der Schweiz wird gemäss Zalen des Marktforschers GFK pro Verkaufsfläche mehr verkauft als hier. Die etablierten Filialen von Migros und Coop profitieren neben der zentralen, stark frequentierten Lage auch davon, dass sie täglich bis 22 Uhr respektive sogar bis 23 Uhr geöffnet haben dürfen. Wie die genauen Öffnungszeiten für Lidl aussehen werden, sei noch nicht bekannt, teilt das Unternehmen mit. Orell Füssli hat aktuell in der Regel nur bis 19 Uhr, aber auch am Sonntag geöffnet. Das erklärte Ziel von Lidl sind «verlängerte Öffnungszeiten».

Noch ist die Discounter-Kette mit ihren global rund 10'000 Standorten in Bern nicht vertreten. Das wird sich bald ändern. In Bern-West will Lidl zwei Filialen eröffnen – eine im Gäbelbach und eine in Ausserholligen. Zudem betreibt der Detailhändler in der Region Niederlassungen in Ostermundigen und Kehrsatz.

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