«Leute, ihr habt das falsche Ziel gewählt»

Hansmartin Amrein, Gelatiere und Gründer der Gelateria di Berna, nimmt den Farbanschlag auf seinen Zürcher Ableger gelassen.

Unbekannte haben das Ladenlokal mit Farbe verschmiert und damit gegen die Aufwertung protestiert.

Unbekannte haben das Ladenlokal mit Farbe verschmiert und damit gegen die Aufwertung protestiert. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Seit knapp einem Jahr gibt es auch in Zürich eine Gelateria di Berna. Den beliebten Berner Glaceladen heissen aber offenbar nicht alle Zürcher willkommen. In der Nacht auf Donnerstag haben Unbekannte die Fassade der Eisdiele mit Farbe verschmiert. Mit gesprayten Slogans wie «Klasse gegen Glace» protestierte man gegen die Gentrifizierung des Quartiers. Auf der Linksaktivisten-Plattform Barrikade.info bekannte sich ein «Kommando Winnetou» zur Tat. Es schrieb, der «Yuppieladen» Gelateria stehe exemplarisch für die Aufwertung der Stadtquartiere, durch welche seit Jahren verwurzelte Anwohner und Betriebe verdrängt würden.

Herr Amrein, wie gross ist der Schaden?
Es sind einfach Farbverschmierungen, sonst gibt es keine anderen Schäden. Eine professionelle Reinigung würde wahrscheinlich etwa 2000 Franken kosten, aber wir machen das selber. Wir wissen, wie das geht und machen es bereits heute Nachmittag. Morgen kann der Käseladen, der über die Wintermonate drin ist, wieder aufmachen.

Haben Sie Verständnis für die Angst vor Gentrifizierung, welche die Täter als Begründung nennen?
Wir sind etwas ratlos, weil wahrscheinlich waren wir mit denjenigen, die uns jetzt heimgesucht haben, auch schon am selben Konzert auf dem Koch-Areal oder in der Reitschule. Auch wir finden es ein berechtigtes Anliegen, dass nicht nur Versicherungen oder andere grosse Dienstleistungsfirmen sich einen Mietzins leisten können. Wir gehören da nicht dazu. Wir sind keine Hipster oder Kapitalisten, sondern ziehen einfach unsere Leidenschaft durch. Wir wollen sagen: Leute, ihr habt das falsche Ziel gewählt. Wir finden euch eigentlich sympathischer als die Konsumjugend im Mediamarkt.

Stiessen Sie in der linken Stadt Bern auch schon auf solche Kritik?
Überhaupt nicht. Wir sind ja nicht ein grosser Name in der Welle 7 oder an der Spitalgasse, sondern betreiben kleine Läden in den Quartieren. Wir wollen eine Art Piazza-Stimmung kreieren, wo sich Leute treffen und sich besser kennenlernen. Das ist die Aufwertung, die wir anstreben – nicht diejenige, bei der andere aus dem Quartier verdrängt werden. In Bern versteht man das. Ausserdem kennt man uns und weiss, dass wir nicht Yuppies sind.

Sind Sie abgesehen von diesem Zwischenfall in Zürich gut aufgenommen worden?
Ja, wir waren erstaunt, dass auch Zürcher für etwas anstehen können! Die langen Schlangen zeigen, dass wir gut angekommen sind. Wir sind sehr zufrieden mit dem Standort, Wiedikon erinnert mich stark an Bern. Wir merken auch, dass dieser Piazza-Effekt zu wirken beginnt: Die Leute plaudern vor der Eisdiele miteinander. Das ist cool.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.02.2018, 15:52 Uhr

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