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Leitartikel: Die zweite Linie ist die Schicksalslinie

In einer Woche fällt die Entscheidung, wer Bern im Ständerat vertreten wird. Zittern müssen nur zwei Kandidaten

Hat gut lachen: Werner Luginbühl.
Hat gut lachen: Werner Luginbühl.
Adrian Moser

13. Februar. 6. März. 23. Oktober. 20. November. Das Jahr 2011 wird wohl im Kanton Bern in die Geschichte mit den meisten Ständeratswahlgängen eingehen. Zuerst ging es um die Neubesetzung des Sitzes von SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga, die in den Bundesrat gewählt worden war. Diese Ausmarchung gewann SVP-Nationalrat Adrian Amstutz. Die Entscheidung am 6. März gegen SP-Nationalrätin Ursula Wyss fiel knapp. Kommentatoren sprachen von einem Scheinsieg: Gemessen an den «wirklichen» Verhältnissen im Kanton Bern – dieser ist nach wie vor ein durch und durch bürgerlicher Kanton – war der Vorsprung zu klein. Amstutz hatte das Handicap, als Hardliner zu gelten. Wyss hatte ein ähnliches Problem. Ihr haftete der Ruf der linken Parteisoldatin an.

Luginbühl überraschte alle

Für die Erneuerungswahl im Oktober wurden die Karten neu gemischt: Die SP holte den langjährigen Bieler Stadtpräsidenten und Nationalrat Hans Stöckli von der Ersatzbank. Und vor allem: Diesmal mischte als Bisheriger auch Werner Luginbühl von der BDP mit, der 2007 noch als SVP-Ständerat gewählt worden war. Wie gross seine politische Überlebenschance war, konnte zunächst niemand so richtig einschätzen. Auch er selber nicht. Als Vertreter einer Kleinpartei wurde er da und dort schon fast abgeschrieben.

Doch es kam anders: Luginbühl holte über 140'000 Stimmen und blieb Amstutz hart auf den Fersen. Knapp 15'000 Stimmen hinter den beiden folgte Stöckli. Das absolute Mehr erreichte niemand – wie bei insgesamt zehn Kandidaten nicht anders zu erwarten. Luginbühls Ergebnis war die Überraschung des ersten Wahlgangs. Sein Resultat – er selber hatte, geplagt von Ungewissheit, mit einem deutlich weniger guten Ergebnis gerechnet – hat die Ausgangslage für den zweiten Wahlgang grundlegend beeinflusst.

Wie das Spiel mit zwei Würfeln

Was dieses Resultat für den zweiten Wahlgang in einer Woche bedeutet, an dem nur noch die drei Erstplatzierten und der chancenlose Josef Rothenfluh teilnehmen, war den Parteistrategen unmittelbar nach Bekanntgabe des Resultats klar: Von dieser komfortablen Position aus wird Mitte-Mann Luginbühl im Entscheidungswahlgang fast zwangsläufig auf den ersten Platz gehoben. Der Grund dafür ist simpel: Jede Wählerin und jeder Wähler wird – anders als Anfang Jahr, als es um den Ersatz einer Person ging – auf dem Wahlzettel zwei Linien ausfüllen können. Bei nur noch drei Kandidaten, die politisch rechts, in der Mitte und links stehen, wird dies ähnlich herauskommen, wie wenn mit zwei Würfeln gewürfelt wird: Mittlere Summen treten häufiger auf.

Mit dieser Erkenntnis wird alles, was seit dem 23. Oktober geschah, verständlich: Die BDP und ihr Kandidat verhalten sich in der Mitte möglichst ruhig. Niemanden ärgern, niemanden unterstützen, möglichst neutral sein: So lautet die Devise. Alles andere kostet Stimmen. Die SVP wiederum hat sich ganz plötzlich dazu entschlossen, der BDP den Schmus zu bringen und – bereits mit Blick auf die Kantonswahlen 2014 – die Wichtigkeit des bürgerlichen Schulterschlusses zu beschwören. Sie sprang gar über ihren Schatten und empfiehlt nun Luginbühl zur Wahl. Treibende Kraft ist Amstutz: Ihm ist klar geworden, dass er nicht mit Luginbühl um Platz eins, sondern mit Stöckli um Platz zwei wird kämpfen müssen. Und dass er deshalb dringend Stimmen aus der Mitte benötigt.

Signale von links Richtung Mitte

Weiter haben – aufgrund der gleichen Einsicht – die Grünen die erstaunliche Verrenkung fertiggebracht, nebst Stöckli auch Luginbühl zu empfehlen. Die Absicht ist klar: Die Mitte-Wähler sollen beruhigende Signale von links empfangen. Denn je sicherer sie sind, Luginbühl als Ersten ins Ziel bringen zu können, desto freier werden sie sich fühlen, die zweite Linie nach Lust und Laune zu bespielen. Auf dieser zweiten Linie der Luginbühl-Wähler liegt die Gefahr für Amstutz, den Bisherigen – und die Chance für Stöckli, den Herausforderer. Entscheidend wird sein, welcher der beiden in der Mitte mehr Stimmen holen kann.

Amstutz Reichweite wird beschränkt durch seinen polarisierenden Stil und seine Hardlinierpolitik sowie die nach wie vor vorhandenen Verspannungen zwischen SVP und BDP. Auf der anderen Seite ist Stöcklis Strahlkraft Richtung Mitte zweifellos stärker, als es jene von Ursula Wyss war. Mit seinem unverkrampften Verhältnis zur Wirtschaft kann er sogar bei einem kleinen Teil der Unternehmer punkten. Diese Konstellation – SVP-Hardliner gegen SP-Mann mit Mitte-Wirkung – lässt in einem Kanton, in dem 60 Prozent der Stimmenden bürgerlich wählen, ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwarten.

Sollte Stöckli gewinnen, gewinnt er nur, weil die SVP mit Amstutz ein Risiko eingegangen ist. Sollte er scheitern, wäre das Aufatmen in den Reihen der SVP deswegen bestimmt sehr gross. Und Amstutz selber würde sich endlich etwas entspannen können – immerhin ist er es, der als Einziger alle vier Wahlgänge bestritten hat.

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