Leichen werden ein Fall für die Justiz

Gegen die umstrittene Ausstellung im Tramdepot im Berner Burgernziel ist eine Anzeige eingereicht worden. Unabhängig davon erhielt der Veranstalter auch Besuch von der Polizei.

Die Justiz muss nun die Herkunft der Leichen abklären, die mit dem Plastinations-Verfahren präpariert wurden.

Die Justiz muss nun die Herkunft der Leichen abklären, die mit dem Plastinations-Verfahren präpariert wurden. Bild: Franziska Scheidegger

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Eine Leiche trägt die Haut über ihren Arm drapiert, eine andere Leiche ist in Ringe und Scheiben geschnitten, eine dritte der Länge nach halbiert, es gibt Föten, die nicht nur makaber, sondern auch schon etwas verstaubt aussehen, oder eine schwarze Raucherlunge. Die seit Freitag geöffnete Ausstellung «Bodies Exhibition» im Tramdepot im Ostring verfolgt gemäss Beschrieb der Organisatoren einen erzieherischen Zweck. Doch der didaktische Aspekt ist wohl eher Fassade. Letztlich dürfte es nicht um das Stillen des Wissensdursts, sondern um die Befriedigung der Schaulust gehen. Die Ausstellung hat grosses Interesse, aber auch viel Kritik ausgelöst.

Ist die Ausstellung illegal?

Jetzt steht aber noch ein anderer Punkt im Vordergrund, nämlich der, ob die Leichenfledderei zu monetären Zwecken überhaupt legal ist. Denn wie die Staatsanwaltschaft bestätigt, ist gegen die Ausstellung und deren Organisator eine Anzeige eingegangen. «Die Anzeige befindet sich in Prüfung», sagt Christof Scheurer, Informationsbeauftragter der Staatsanwaltschaft des Kantons Bern. Sie stammt von einer Menschenrechtsorganisation, den Namen nennt die Staatsanwaltschaft jedoch nicht. Im Raum stehen unter anderem Vorwürfe betreffend Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Störung des Totenfriedens.

Die Anzeige wurde bereits am vergangenen Donnerstag deponiert. Die Justiz muss jetzt abklären, wie substanziell der verschiedentlich geäusserte Verdacht ist, die Leichen könnten von chinesischen Dissidenten und Regimekritikern stammen, die in chinesischen Gefängnissen inhaftiert waren. Die Ausstellung dauert noch bis zum 14. Oktober. Unter Zeitdruck sieht sich die Justiz jedoch nicht: Es sei keine «Gefahr im Verzuge», sagt Scheurer dazu.

Der Organisator hat unterdessen auch Bekanntschaft mit der Kantonspolizei geschlossen. «Die Polizei war am Montag vor Ort und hat mit dem Veranstalter gesprochen», sagt Mediensprecherin Ramona Mock. Dies sei aber unabhängig von der Anzeige, die bei der Staatsanwaltschaft eingegangen sei, veranlasst worden. Fragen dazu, ob der Veranstalter Dokumente zur Herkunft der Leichen vorgelegt hat, beantwortete die Polizei nicht. Es würden nun Abklärungen getätigt, bevor über das Vorgehen entschieden werde, sagt Mock weiter.

«Abgetauchter» Holländer

Organisator Jan van Bergen befindet sich auf Tauchstation. Eine schriftliche Anfrage blieb unbeantwortet. Auch telefonisch war der Holländer gestern nicht erreichbar. Am Freitag sagte van Bergen dem «Bund» noch, die Exponate stammten von freiwilligen Spendern, es sei alles legal. Er war aber nicht bereit, dazu Dokumente vorzulegen.

Zu den städtischen Behörden bestand seitens der Aussteller kein Kontakt. Eine Bewilligung der Gewerbepolizei ist für diese Ausstellung in privaten Räumlichkeiten grundsätzlich nicht erforderlich, wie es beim Mediendienst der Stadt Bern heisst. Allerdings hatte der Organisator vorübergehend auf Facebook behauptet, der «Berner Bürgermeister» habe nichts gegen die Ausstellung einzuwenden. Stadtpräsident Alec von Graffenried befindet sich derzeit in den Ferien und war nicht erreichbar.

Bundesamt nicht zuständig

Kritiker der Ausstellung argumentierten unter anderem, in der Schweiz verbiete das Übereinkommen zum Schutz der Menschenrechte und der Menschenwürde im Hinblick auf die Anwendung von Biologie und Medizin, dass mit Körperteilen ein finanzieller Gewinn erzielt wird. Zudem, so heisst es im Übereinkommen, dürfen bei einer Intervention entnommene Teile des menschlichen Körpers nur zu dem Zweck aufbewahrt werden, zu dem sie entnommen wurden».

Jede andere Verwendung setze Einwilligungsverfahren voraus. Wie das Bundesamt für Gesundheit BAG dazu ausführt, sind diese Bestimmungen aber «lediglich im Kontext von Medizin und Biologie anwendbar.» Ob die Körper für die Plastinate der Ausstellung im medizinischen Umfeld erlangt worden seien, sei jedoch unklar. Das BAG will sich nicht damit beschäftigen: Man habe keine Befugnis, «weitere Abklärungen zu tätigen oder Massnahmen zu ergreifen».

Überrascht von der Entwicklung ist Ute Winselmann Adatte. Die Galeristin und Kuratorin ist für die Zwischennutzung der Halle zuständig. «Ich hoffe weiter, dass mit der Ausstellung alles in Ordnung ist», sagt sie. Lieber wäre ihr allerdings, die Ausstellung würde keine Negativschlagzeilen auslösen, aber trotzdem viele Besuchende anziehen. (Der Bund)

Erstellt: 10.10.2018, 06:37 Uhr

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