Legales Cannabis in der Berner Altstadt

Der neue Cannabis-Boom ist definitiv in Bern angekommen: In der Kramgasse eröffnete am Freitag die erste Hanfapotheke.

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Es ist im Bernbiet das erste Unternehmen, das diesen Schritt wagt: Am Freitag öffnete die Hanfapotheke in der Berner Kramgasse ihre Tore. In einem schlicht eingerichteten Kellergewölbe stehen weisse Regale, in denen die Cannabisprodukte zu finden sind. Darin befinden sich etwa «Knabberhanf», geröstete und gesüsste Hanfsamen, oder Hanfbalsam, dem die Hersteller antibakterielle und entzündungshemmende Wirkung zusprechen. Die Preise ähneln denjenigen in den Reformhäusern: Ein Viertelliter Hanf-Öl kostet zwölf Franken, das halbe Kilo Hanfsamenkörner etwas mehr als sieben Franken.

Geschäftsführer sind die beiden Jungunternehmer Yilmaz Simsir und Volkan Kaymaz. Mit ihrem Konzept wollen sie «Menschen allen Alters» über den Rohstoff Hanf informieren. Im Fokus stehen zunächst Superfood- und Beautyprodukte. Später wollen sie das Geschäft zu einer lizenzierten und auf Heilpflanzen spezialisierten Apotheke ausbauen.

Dass das Unternehmen in der Altstadt Fuss gefasst hat, hat gute Gründe: Bern ist Teilnehmer eines Pilotprojekts, in dessen Rahmen gemeinsam mit anderen Städten und mit wissenschaftlicher Begleitung die kontrollierte Cannabisabgabe an Problemkonsumenten getestet werden soll. Der politische Wind schien den Geschäftsführern daher günstig. «Vor fünf Jahren hätten wir unser Vorhaben kaum realisieren können», sagt Simsir. Lange habe man den Hanfkonsum schlicht mit dem Kiffen gleichgesetzt. Diese «Dämonisierung» sei mittlerweile abgeflaut. Trotzdem seien sie bei der Standortsuche auf Widerstand gestossen: «Zuerst haben wir in Zürich nach einem passenden Standort gesucht – ohne Erfolg», sagt Kaymaz. «Die Lokalvermieter waren gegenüber unserem Konzept wohl skeptisch.»

«Apotheke»: Heikle Bezeichnung

Das Lokal ist ein Showroom: zurückhaltend möbliert, Farbakzente, das Produkt im Fokus. Vorläufig scheint die Bezeichnung «Apotheke» jedenfalls nicht zu passen: Es werden keine rezeptpflichtigen Medikamente oder Betäubungsmittel abgegeben, herkömmliche Pillen und Salben sucht man vergebens. Das ist nicht unproblematisch: Wer die Bezeichnung Apotheke verwenden will, muss das Kantonsapothekeramt um eine Bewilligung ersuchen. «Bei uns ist bislang kein Gesuch eingegangen», sagt Josiane Tinguely Casserini, stellvertretende Kantonsapothekerin, auf Anfrage. Man behalte sich vor zu prüfen, ob es sich um eine allfällige Irreführung des Patienten handle. Bei der Hanfapotheke heisst es, man habe alle nötigen rechtlichen Abklärungen getroffen. Die Produkte basieren auf einer Hanfsorte, die einen sehr geringen und daher legalen THC-Gehalt aufweist und dafür eine erhöhte Konzentration des erlaubten, beruhigenden Wirkstoffs CBD enthält. Das Unternehmen berät und unterstützt der Apotheker Samuel Büechi. «Wir wollen eine alte und zu Unrecht verboten Heilpflanze wieder ausgraben», sagt er.

Mit Apothekern kooperieren

Längerfristig will er mit verschiedenen Apothekern zusammenarbeiten, mit dem Ziel, auf die Preisgestaltung bei Cannabis-Medikamenten einzuwirken. Die medizinische Cannabis-Therapie kostet je nach Art 150 bis 900 Franken pro Monat, die Behandlung ist nur auf ärztliche Verschreibung und mit Bewilligung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) zulässig. Nur eine Handvoll Apotheken in der Schweiz hat die Erlaubnis, die Medikamente zu verkaufen. «Das sind Preise, die man sonst bei Krebsmedikamenten hat», so Büechi. Er hält es für möglich, die Kosten durch die Zusammenarbeit zu halbieren.

Der neue Hanfboom

Ob das Konzept der Hanfapotheke Erfolg hat, wird sich noch zeigen. Bereits ist die Eröffnung einer zweiten Filiale in Basel geplant. So oder so: Die Geschäftsführer treffen damit den Nerv der Zeit. Obwohl sich das Schweizer Stimmvolk mehrfach gegen eine Legalisierung ausgesprochen hat, zuletzt im Jahre 2008, ist Cannabis heute wieder in aller Munde. Das zeigt sich auf Gesetzesebene, wo mit der «Kiffer-Busse» eine Liberalisierung stattgefunden hat. Oder aber am diesjährigen Besuchererfolg der Schweizer Hanfmesse Cannatrade in Dietikon, wo Hanfmühlen in Form von Pokébällen und verschiedenste Lebensmittel wie Mehl und Cookies aus Hanf über 7000 Personen anlockten.

Jüngst bekundeten zudem über ein Dutzend Apotheker grosses Interesse, als Abgabestelle beim Cannabis-Pilotprojekt mitzuwirken. Und auch die Bauern wollen sich ihr Stück vom Kuchen sichern: Sie forderten im April, den nötigen Hanf nicht aus Holland zu importieren, sondern den Anbau den Schweizer Landwirten zu überlassen.

Der letzte Cannabis-Aufschwung liegt nun über zehn Jahre zurück. Im Vertrauen auf eine Legalisierungswelle stampften Wagemutige damals zahlreiche «Hanflädeli» aus dem Boden. Die Verkäufer glaubten, mit dem «Duftseckli» eine Gesetzeslücke entdeckt zu haben – in Stoff eingewickelten Hanf verkauften sie als Wellnessprodukt, das die Konsumenten zu Hause zum Joint verarbeiteten. 2009 schloss mit dem Growland das letzte Berner Geschäft. (Der Bund)

Erstellt: 30.09.2016, 20:11 Uhr

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