Lebenslänglich – und viele Fragen

Der Haupttäter der sogenannten Berner «Safari-Morde» von 1998 bekommt in der Türkei lebenslänglich. Angehörige der Opfer sind nicht befriedigt, zumal mehrere Mittäter noch immer auf freiem Fuss sind.

Juli 1998: In der Safari-Bar an der Berner Belpstrasse ereignete sich ein Vierfach-Mord.

Juli 1998: In der Safari-Bar an der Berner Belpstrasse ereignete sich ein Vierfach-Mord.

(Bild: Keystone)

Der kleine Gerichtssaal im Istanbuler Justizpalast von Kartal war fast voll, da viele Angehörige der Opfer der Berner «Safari-Morde» auf ein Urteil gehofft hatten und angereist waren. Tatsächlich verurteilte das Gericht den Haupttäter zu lebenslanger Haft. Er hatte sich seit über einem Jahr wegen der Tat vom 27. Juli 1998 im Tearoom Safari an der Belp­strasse vor Gericht verantworten müssen. Damals waren in Bern vier Menschen brutal erschossen wurden.

Der Pflichtverteidiger Mehmet Tav hatte auf Freispruch aus Mangel an Beweisen plädiert. In seiner Verteidigungsschrift, die er vor Gericht verlas, versuchte er das 8. Strafgericht in Istanbul davon zu überzeugen, dass die DNA-­Beweise vom Tatort und der Tatwaffe kein Beweis für die Täterschaft des Angeklagten seien. Er zog dazu einen Vergleich zu Dostojewskis «Die Brüder Karamasow» heran. Für den Anwalt, dem sein Mandant nach eigenen Angaben ebenso wenig über die Tat anvertraut hatte wie dem Gericht, ist weder das Motiv schlüssig, noch ist ausreichend bewiesen, dass die DNA-Spuren zur Tatzeit am Tatort entstanden sind.

«Verhält sich so ein Mörder?»

Ebenfalls nicht erwiesen sei, dass Täter und Opfer sich kannten. «Warum sollte ein Täter die Tasche mit den Beweisen einfach an den Strassenrand stellen? Warum hat mein Mandant nach der Tat nicht seine Lebens­gewohnheiten verändert, nicht versucht unterzutauchen? Sogar die Polizei hat er anstandslos in seine Istanbuler Wohnung gelassen. Verhält sich so ein Mörder?», wunderte sich Tav. Staatsanwaltschaft und Richter vermochte der Verteidiger, dessen Ausführungen sich der Angeklagte anschloss, aber nicht zu überzeugen. Die Staatsanwaltschaft wiederholte ihren Antrag, der Angeklagte sei wegen vier­fachen Mordes zu verurteilen.

Nur wenige Minuten zog sich das Gericht zur Beratung zurück, bevor es den Angeklagten Mustafa K. nach Paragraf 112 des Schweizer Strafgesetzbuches für die Morde an Roland W., Haydar K., ­Hasan D. und Garip K. schuldig sprach. Damit sorgte das Gericht für eine kleine Überraschung. Denn der Anwalt der Nebenklage sowie die Angehörigen der ­Opfer hatten bis zu diesem Zeitpunkt ­damit gerechnet, dass der Täter nach türkischem Recht verurteilt werden würde. In diesem Fall hätte sein Schuldspruch viermal lebenslänglich unter verschärften Haftbedingungen gelautet. ­Allerdings sind die Richter in einem solchen Fall, wenn sie eine im Ausland verübte Straftat beurteilen, gehalten, die am Tatort geltenden Gesetze in ihr Urteil einfliessen zu lassen und dabei zugunsten des Täters zu entscheiden.

Vollzug birgt Überraschungen

So blieb die grosse Freude, welche die Angehörigen der Opfer in den entlegenen Justizpalast gebracht hatte, aus. Stattdessen machte sich die Sorge breit, dass der Täter, der vier Menschenleben ausgelöscht hat, möglicherweise mit einer sehr geringen Strafe davonkommen könnte. Denn auch wenn für die Festsetzung des Strafmasses das Schweizer Strafrecht angewendet wird, wird beim Vollzug die türkische Gesetzgebung gelten. Demnach wird der Täter von verschiedenen Amnestien profitieren können, die seit Verübung der Tat in der Türkei gelten, und auch von anderen strafmindernden Paragrafen.

Kasim Günes, der Anwalt der Nebenklage, geht davon aus, dass der Täter sich auf eine stark verkürzte Haftzeit einstellen kann. Ebenfalls angerechnet werden die fast zwei Jahre Unter­suchungshaft, die er abgesessen hat. ­Fikri Kirmizikaya, der Bruder eines der Opfer, sieht darin einen internationalen Justizskandal. Er hat bereits veranlasst, dass gegen das Urteil Widerspruch eingereicht wird, und sich vorgenommen, notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen. Schweizer Behörden abwesend

Enttäuscht zeigen sich die Angehörigen auch über die Schweizer Behörden. Sie glauben, dass es für den Schuldspruch und den Verlauf des Prozesses von Vorteil gewesen wäre, wenn offizielle Prozessbeobachter anwesend gewesen wären. «Andere Länder machen das doch auch, sie setzen sich für ihre Staatsbürger ein. Aber wir sind hier ganz auf uns allein gestellt gewesen. Wäre unser ­Anwalt nicht gewesen, dann wären nicht einmal die Schweizer Namen in den ­Gerichtsakten richtig buchstabiert gewesen», beklagt sich Kirmizikaya. Seine Hoffnung besteht darin, dass die Schweizer Behörden nun alarmiert sind und sich dafür starkmachen, dass der Täter nicht vorzeitig freikommt.

Für den Bruder, der ebenfalls als Wirt in Bern tätig ist, setzt der Schuldspruch des Istanbuler Gerichts einen Schlusspunkt unter die verschiedensten Spekulationen, die nach der Bluttat über das Motiv kursierten: Mafia-Konflikt, Terror­organisationen, Ehrenmord oder Drogenaffären wurden damals als mögliche Gründe vermutet. Kirmizikaya, dessen Bruder den ermittelnden Behörden zufolge das Hauptopfer gewesen sein soll, haben diese Anschuldigungen schwer verletzt. Das Istanbuler Urteil definiert das Tatmotiv als einen Streit zwischen Garip K. und einer seiner Angestellten, der eskaliert sei.

Es gibt noch einen Grund, weshalb sich die Angehörigen nicht wirklich über den gestern erfolgten Schuldspruch freuen können. Sie wissen, dass noch mehrere Täter auf freiem Fuss sind, und hoffen, dass auch diese bald der Justiz übergeben werden können. Dabei loben sie die unermüdliche Arbeit der Berner Staatsanwaltschaft.

Der Bund

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