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«Leben vom Geld unter Matratze»

Die russischstämmigen Eltern einer in Bern wohnhaften Ukrainerin leben auf der Krim – ein Blick von Bern auf das osteuropäische Eiland.

Sewastopol auf der Krim: Ein russisches Kriegsschiff liegt vor der Stadt. Rechts das «Monument der versunkenen Schiffe».
Sewastopol auf der Krim: Ein russisches Kriegsschiff liegt vor der Stadt. Rechts das «Monument der versunkenen Schiffe».
EPA SERGEI ILNITSKY

Eine Ukrainerin, die in Bern wohnt, hat sorgenvolle Tage hinter sich, denn ihre russischstämmigen Eltern wohnen auf der Krim in Sewastopol, der Stadt mit dem Schwarzmeerhafen. «Ich rief täglich an und fragte, ob es gefährlich sei», sagt sie. Wegen der hiesigen Berichterstattung habe sie sich Sorgen gemacht, doch ihre Mutter habe entgegnet: «Du spinnst, hier ist alles ruhig.»

Das Referendum der Krim-Bewohner sei spontan anberaumt worden, sagt die Frau, die aus Sicherheitsgründen namenlos bleiben will. Die Regierung der Krim habe die neuen Machthaber in Kiew in einem Brief gebeten, der Krim Selbstständigkeit innerhalb eines föderalistischen Systems zu gewähren und alle Sprachen der Krim zuzulassen: Russisch, Ukrainisch und Tatartisch. Als Antwort habe die Regierung in Kiew die Verfasser des Briefs angeklagt. «Die Leute auf der Krim sind ruhig und besonnen», sagt die Frau, doch diese harsche Reaktion auf ihre moderate Forderung sei zu viel gewesen.

Angst auf der Krim vor dem Mob

«Es gab auf der Krim Demonstrationen, immer mehr gingen auf die Strasse.» Die Vorgänge in Kiew hätten auf der Halbinsel Besorgnis erregt, das immer unverhohlenere Auftreten ultrarechter Kräfte mit Hassparolen und Gewaltakten gegen alles «Nicht-Ukrainische»: Russischstämmige, Juden, Tartaren. «Auf der Krim befürchteten die Leute, dass der Mob auf die Halbinsel vordringt.» Darum hätten sich Selbstverteidigungskräfte aus gewöhnlichen Männern gebildet, die die Einfallsstrassen bewachten, um das Einsickern von Waffen und Sprengstoff zu unterbinden. «Mit dem beschlagnahmten Material hätte man einen Krieg führen können.» Auf der Krim stationierte Soldaten und Polizeikräfte seien zu den Einheimischen übergelaufen, die Bevölkerung habe die Selbstverteidiger unterstützt. «Meine Mutter kochte Essen für sie, viele taten das Gleiche.»

Sie sei kein Fan von Präsident Janukowitsch, sagt die Frau, er habe viele Fehler gemacht, doch seinen Teil der Abmachung habe er erfüllt, aber die Gegenseite nicht. Auch wisse man inzwischen zweifelsfrei, dass die Heckenschützen in Kiew zu den neuen Machthabern gehörten. Die Ukrainerin in Bern folgert: «Die Bewohner der Krim müssten den Friedensnobelpreis erhalten, da sie in kürzester Zeit ein grosses Problem friedlich gelöst haben.» Seit 1991 hätten sich die Bewohner der ethnisch gemischten Krim in der Ukraine fremd gefühlt.

«Auf der Krim eingesperrt»

Nun lege die Regierung in Kiew der abtrünnigen Krim Steine in den Weg. «Krim-Bewohner dürfen nicht über Kiew nach Europa reisen», sie seien eingesperrt. Es gebe ein Wirtschaftsembargo, Geldüberweisungen seien verboten, die Banken auf der Krim geschlossen, es werde nichts ausbezahlt. «Die Menschen leben vom Geld, das sie unter der Matratze gehortet haben.» Europa missachte den Volkswillen, der unter den Augen unzähliger Beobachter frei geäussert worden sei. Dadurch blockiere es die Menschen. «Meine Mutter kann unsere Oma in der Ukraine nicht besuchen, und falls die Oma stirbt, darf niemand an die Beerdigung gehen.»

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