Leben auf Bewährung

Er hat schwere Fehler gemacht. Sieben Jahren war er im Massnahmezentrum St. Johannsen. Heute hat er seine eigene Firma – und sein Leben im Griff. Damit das so bleibt, trifft er sich regelmässig mit seiner Bewährungshelferin Christine Burgunder.

Sieben Jahre war Peter Müller im Massnahmezentrum St. Johannsen.

Sieben Jahre war Peter Müller im Massnahmezentrum St. Johannsen.

(Bild: Adrian Moser)

Peter Müller lebte rastlos. Ein «Hansdampf in allen Gassen» erinnert er sich gewesen zu sein. Er hatte es gerne lustig, und nüchtern war er selten. Zum Znüni trank er das erste Bier, zum Kaffee Grappa, und nach dem Feierabend ging es in die Beiz. Nicht immer war sein Lebensstil kompatibel mit den Gesetzen.

Doch was er dann tat, konnte er auch mit seinem Alkoholproblem nicht rechtfertigen. Er wusste es genau, auch im Rausch. Und wenn er es nicht getan hätte, könnte man hier seinen richtigen Namen schreiben. Aber er tat es, und jetzt muss er damit klarkommen. Er kannte die beiden Brüder schon lange, sie waren oft bei ihm. Und irgendwann geschah es. Mit dem jüngeren, dem dreizehnjährigen, schlief er einmal. Mit dessen zwei Jahre älterem Bruder mehrmals. Er habe nie Druck aufgesetzt, aber er habe es geschehen lassen. Mit dem älteren habe er darüber gesprochen, dass es verboten sei und dass es dafür gute Gründe gebe. Er habe ihm gesagt: «Geh in die Disco. Lerne Mädchen kennen.» Doch der Knabe war lieber bei ihm.

Mensch und Delikt trennen

Peter Müller wurde 2003 zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Er entschied sich, «in eine Massnahme reinzugehen», wie er sagt. «Ich wusste, dass ich etwas ändern musste.» Seine Haft wurde zugunsten einer therapeutischen Massnahme in St. Johannsen aufgeschoben. Letzten Oktober kam er auf Bewährung frei – nach sieben Jahren. Peter Müller hat sich mittlerweile selbstständig gemacht – «aus Verzweiflung», wie er sagt. Er habe sich wieder und wieder beworben, in den unterschiedlichsten Bereichen, «aber die wollen keinen Knasti». Doch sein Geschäft laufe gut, er arbeite viel. Man spürt den Stolz, wenn er das sagt.

Christine Burgunder aber mahnt: Er solle es nicht übertreiben. Er wisse ja, dass er etwas auf die Balance achten müsse. Sie ist Peter Müllers Bewährungshelferin. Alle zwei, drei Wochen treffen sie sich, sprechen darüber, wie es ihm läuft, was ansteht, aber auch über das Delikt. Dazwischen bekommt er ab und zu ein E-Mail von ihr oder sie von ihm. «Ich habe an mich den Anspruch, ungefähr zu wissen, was läuft», sagt sie. Um zu wissen, ob er seine Therapie besucht. Um einschätzen zu können, ob er stabil ist. Um Meldung machen zu können, wenn es nötig erscheint.

Er schätze die Treffen, sagt Peter Müller, sie seien «wie ein Ausrufezeichen am Ende des Monats. Oder auch einmal ein Fragezeichen.» Es tue gut, zu reflektieren, über Ängste zu sprechen, aber auch über Alltägliches, den Job oder die Katzen. Die beiden verstehen sich gut, hat man den Eindruck, der Umgang ist locker. Sie scheinen sich zu respektieren. Sie müsse «das Delikt vom Menschen trennen», sagt die Bewährungshelferin – den Menschen akzeptieren, nicht aber das Delikt. Sie könne es oft nachvollziehen, dass es dazu gekommen sei, «dass es eine Möglichkeit war, so zu reagieren. Aber es war eine ganz schlechte.»

«Alle wollen die totale Sicherheit»

«Ich bin etwas chaotisch», sagt Peter Müller, und deshalb geht Christine Burgunder manchmal bei ihm vorbei, um zu überprüfen, ob er einigermassen Ordnung hat. Zu kontrollieren und auch unangenehme Fragen zu stellen, das gehöre dazu, sagt sie. Doch wichtiger als Kontrolle sei das Vertrauen. Sie könne hartnäckig sein, und manchmal müsse sie sich einiges anhören. Nicht immer gelinge es ihr, das nicht persönlich zu nehmen. Doch es gibt auch andere Seiten. «Ich habe Freude, wenn es einem Klienten gut geht», sagt die 53-Jährige. Letzthin sagte ihr einer, sie sei wie seine grosse Schwester. Das hat sie gefreut. Christine Burgunder betreut 40 Klienten. Zu den Treffen kommen viele Stunden administrativer Arbeit hinzu. Sie ist häufig am Telefon.

Christine Burgunder und Peter Müller kennen sich bereits aus St. Johanssen. Sie war dort die stellvertretende Leiterin seiner Wohngruppe. Vor drei Jahren verliess sie das Massnahmezentrum, weil sie die Tätigkeit als Bewährungshelferin reizte. Die Rahmenbedingungen für ihre Klienten seien schwieriger geworden, sagt sie. Die Entscheidungsträger auf allen Ebenen seien heute vorsichtiger als vor ein paar Jahren.

Heute werde beispielsweise schneller als früher ein zweites Gutachten angefordert, bevor man einer Lockerung im Vollzug zustimme – aus Angst vor dem medialen Pranger, falls doch etwas geschieht. «Alle wollen die totale Sicherheit. Aber die gibt es einfach nicht.» Dass jede Vollzugslockerung immer mehr Zeit benötigt, ist einer der Gründe, weshalb der zu viereinhalb Jahren verurteilte Peter Müller sieben Jahre in St. Johannsen war. Manchmal, wenn sich ein Schritt wieder und wieder hinausgezögert habe, sei es sehr schwierig gewesen, sagt er. Heute würde er sich wohl nicht noch einmal für den Massnahmevollzug entscheiden. Zu häufig sei er vertröstet, zu oft gedemütigt worden, sein Verhältnis zur Justiz sei «erschüttert».

Peter Müller scheint auf einem guten Weg: Er hat seit ein paar Monaten eine Freundin, er hat eine erfüllende Arbeit und trinkt keinen Tropfen Alkohol mehr – das ist eine der Bewährungsauflagen. Er hat bewusst keine Jugendlichen in seinem Umfeld, um sich zu schützen vor Versuchungen. Er fragt sich oft, was aus den Knaben geworden ist. Sie haben ihn besucht im Gefängnis, ihm geschrieben. Natürlich mache er sich immer noch Vorwürfe, sagt er.

Müller kann sich nicht vorstellen, dass er sich noch einmal an einem Knaben vergehen würde. «Heute kann ich ganz klar sagen: Es hat mir nicht das gegeben, was ich wollte.» Was er wolle, das habe er heute eher als vor der Haft: einen Job, eine Freundin, Nüchternheit. Und etwas Ruhe.

Der Bund

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