«Langfristig könnten Geisterstädte entstehen»

Multiplexkinos und Shoppingmalls am Stadtrand seien schlecht für die Innenstadt, sagt der Immobilienspezialist Alain Chaney. Er fordert mehr Engagement der Stadt Bern und Ideen der Liegenschaftsbesitzer.

Die Kinokette Kitag schliesst nach und nach ihre Kinos in der Berner Innenstadt und eröffnet in Muri ein Multiplexkino.

Die Kinokette Kitag schliesst nach und nach ihre Kinos in der Berner Innenstadt und eröffnet in Muri ein Multiplexkino. Bild: Adrian Moser

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In der Stadt Bern schliessen erneut mehrere Kinos: Jura, Gotthard und Splendid gehen bis in zwei Jahren zu. Das sind dann sämtliche Säle der Kinokette Kitag. Was bedeutet das für die Stadtentwicklung?
Das kommt nicht überraschend und zeigt die Schwierigkeiten, mit denen die Innenstadt kämpft. Wenn Kitag aus der Stadt ins Multiplexkino am Stadtrand zieht, ist es die gleiche Tendenz wie im Retailbereich. Am Stadtrand entstehen Shoppingmalls, weil die Ladenfläche dort billiger ist, mit weniger Personal betrieben und mit dem Auto erreicht werden kann. Sie machen der Innenstadt Konkurrenz.

Warum ist Konkurrenz nicht gut?
Für die Stadt ist das eine schlechte Entwicklung. Wenn die Kunden am Stadtrand einkaufen, ist die Innenstadt weniger belebt, und die Läden haben noch weniger Laufkunden. Langfristig könnten so Geisterstädte entstehen.

Geisterstadt tönt schrecklich.
So weit wird es nicht kommen. Doch der Markt muss sich anpassen, um die Innenstadt lebendig zu halten. Während das Flächenangebot in der Innenstadt relativ starr ist, verändert sich die Nachfrage rasant.

Die Kitag zieht sich aus der Stadt zurück – der Immobilien-Experte warnt vor Geisterstädten. Was könnte jetzt auf die Kinosäle folgen? «Stadtgespräch»: stadtgespraech.derbund.ch

Wie verändert sie sich?
Bis vor wenigen Jahren war sie hoch und trieb die Mietpreise in die Höhe. Damit haben nun die Mieter zu kämpfen. Ein Kino oder ein Laden werfen nicht mehr genügend Gewinn ab. Darum ziehen die Betreiber weg. Mit der sinkenden Nachfrage reduzieren sich allerdings auch die Mieten. Das beobachten wir in Bern bereits. Für die Eigentümer der Liegenschaften ist diese Entwicklung schlecht.

Mit den Eigentümern muss man aber wohl kein Mitleid haben. Die Mieten in der Innenstadt sind sehr hoch.
Ja, in den letzten Jahren konnten Liegenschaftsbesitzer hohe Mieterträge erzielen. Auf sie kommen aber auch grössere Investitionen zu, um die Fläche attraktiv zu halten. Dabei handelt es sich teilweise um unser eigenes Geld, das die Pensionskassen in den Immobilien angelegt haben.

Was kann denn mit den leeren Kinos geschehen?
Das muss man von Objekt zu Objekt beurteilen. Die Lage ist meist sehr gut. Aber die Räume haben oft kein Tageslicht, womit sie nicht in Büros oder Wohnungen umgenutzt werden können. Und es braucht wohl nicht in jedem leeren Kino ein neues Partylokal. Denkbar sind auch Wellness, Fitness oder ein Supermarkt.

Supermarkt und Fitness ist das aktuelle Profil der Migros. Droht ein weiterer Schritt Richtung Migros-City?
Die Migros ist in der Berner Innenstadt sehr aktiv. Ich finde es gut, dass sie den leeren Raum füllt. Sie hilft, die Innenstadt belebt zu halten. Aber es braucht auch nicht alle 100 Meter einen Supermarkt oder ein Fitnessstudio.

Was dann?
Die Eigentümer der Häuser müssen sich also etwas einfallen lassen, wenn sie ihre leeren Kinos wieder vermieten wollen. Wenn sie keine guten Ideen haben, fahren sie vermutlich besser, wenn sie die Mietpreise senken, bevor die Kinos ausziehen. Auch die Stadtverwaltung und die Politik sind gefragt.

Inwiefern? Verwaltung und Politik können den Eigentümern keine Mieten diktieren.
Sie müssen die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt noch mehr fördern, um zusätzliche Besucher und Kunden anzulocken. Die Altstadt ist ja bereits eine Art riesiges Einkaufszentrum, das viel Erlebnisqualität bietet. Gerade diese fehlt der Shoppingmall am Stadtrand. Doch der Eigentümer der Mall kann den Mietermix bestimmen und den gemeinsamen Auftritt koordinieren. Die Stadt könnte hier aktiver werden.

Was müsste sie also tun?
Sie könnte die Funktion eines Centermanagers stärker übernehmen und die Liegenschaftseigentümer vermehrt einbinden. Sie könnte diese enger zusammenbringen und den gemeinsamen Auftritt verstärken. Eine Möglichkeit dazu böte zum Beispiel eine interaktive City-App, die mir einen Überblick über alle Angebote, Anlässe und Anfahrtsmöglichkeiten gäbe.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.02.2018, 15:29 Uhr

Das Berner Kinosterben

Am letzten Freitag hat das schweizerische Kino-Unternehmen Kitag angekündigt, bis 2019 alle seine Kinos in der Berner Innenstadt zu schliessen. Noch dieses Jahr sollen die Kinos Gotthard und Jura geschlossen werden. Ein Jahr später wird auch das Kino Splendid (im Bild) schliessen. Das Ende von Alhambra und Capitol wurde bereits letztes Jahr angekündigt. Damit wird die lebendige und breit gefächerte Berner Kinolandschaft stark ausgedünnt.

Der Betrieb lohnt sich für die Kinounternehmen in den Städten immer weniger, unter anderem wegen hoher Mieten und veränderten Konsumverhaltens bei den Filmliebhabern. Deshalb zieht es die Kitag nach Muri, wo sie zurzeit ein Multiplexkino mit Restaurants, Bars und anderen Angeboten baut.

Für den Kinoexperten René Gerber vom Verband Pro Cinema kommt die Entwicklung nicht überraschend: «Gerade beim Mainstream-Publikum sind solche Angebote sehr beliebt.» Das Multiplexkino von Pathé im Westside in Berns Westen sei eines der erfolgreichsten in der Schweiz.

Verbleiben werden in Bern die fünf Kinos der alternativen Kinokette Quinnie sowie Spartenkinos wie etwa das Rex in der Schwanengasse. Hier werden vor allem Arthouse-Filme gezeigt. Quinnie hat angekündigt, die neue Situation zu analysieren und allenfalls das Angebot auszubauen.

Der Immobilienexperte Alain Chaney ist Geschäftsführer der Beratungsfirma Wüst & Partner Bern. (Bild: zvg)

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