Lang lebe die Jugend

Zwei Wochen lang hat sich DerBund.ch/Newsnet mit der Berner Jugend beschäftigt. Wir schauen zurück.

Zehn Jugendliche gewährten uns einen Einblick in ihr Leben. Unter ihnen war auch Maia Senften.

Zehn Jugendliche gewährten uns einen Einblick in ihr Leben. Unter ihnen war auch Maia Senften. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als wir Anfang November einen Aufruf starteten, um Jugendliche für unsere Serie #blackboxjugend zu suchen, hatten wir keine Ahnung, ob es überhaupt klappten würde. Wird sich jemand melden? Hat die Jugend vielleicht gar kein Bedürfnis, sich mitzuteilen? Sie hat sehr wohl. Schliesslich kamen so viele Kandidaten zusammen, dass wir diese Serie um Wochen hätten verlängern können. Sie waren zwischen 15 und 20 Jahre alt, kamen aus der Stadt Bern, Worb, Trimstein, Köniz und Heimiswil, waren Gymnasiasten, Studenten, Lehrlinge und pflegten Hobbys von Pfadi bis Töffli-Frisieren.

Zehn von ihnen haben wir ausgewählt. Sie sollten uns erklären, was es heisst, in der heutigen Zeit jung zu sein. Dieser Aufforderung kamen sie grosszügig nach. Sie gewährten uns Einblicke in ihr Leben, verrieten, was sie beschäftigt, wovon sie träumen und was sie nervt. Wir lernten junge Männer und Frauen kennen, die sich in Meinungen und Ansichten unterscheiden, aber eines gemeinsam haben: Alle haben sie etwas zu sagen.

Für #blackboxjugend haben wir die Jugendlichen mit Fragen zum Jungsein gelöchert. Zum Schluss drehen wir den Spiess um – und geben den Jugendlichen Einblicke in die wunderbare Welt der Erwachsenen

Da war zum Beispiel Jost Zeindler aus der Länggasse, der uns verriet, wieso er gerne in Bern lebt. «Es ist schön, dass man hier vieles selber auf die Beine stellen kann», so der 19-Jährige. Ganz andere Dinge beschäftigten Silvan Grütter aus Heimiswil. Im Videointerview erklärte uns der 17-Jährige, was es alles für «anständige Berufe» gibt, zum Beispiel «Elektriker, Schreiner, Zimmermann oder eben auch Mechaniker.» Andere erzählten uns über ihre Familie und die Beziehung zu ihren Eltern. So zum Beispiel die 15 Jahre alte Zora Tschan, die Mühe hat, sich für ein Ferienprogramm zu entscheiden: auf ein Festival mit Freunden oder halt mit in die Familienferien? Was den Haussegen in Schieflage bringen kann, weiss auch Maia Senften, die sich gegen den elterlichen Willen die Nase piercen liess. «Meine Mutter war sehr enttäuscht und traurig», erzählte uns die 16-jährige Gymnasiastin.

Ebenso offen und mitteilungsfreudig zeigten sich die Porträtierten beim Öffnen ihres Fotoalbums. Die Generation, die mit sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram aufgewachsen ist, hat uns freigiebig mit Selfie-Müsterchen und Alltagsbildern aus ihrem Handyspeicher versorgt. Wir lernten, wie es bei Semi Mordasinis Jungliberalen-Höck im SCB-Stadion aussieht, oder wie Maia Senften mit einem Laubkrönchen bekränzt auf Instagram für begeisterte Kommentare sorgt.

Geheimnisvolle Regula

Knatsch mit den Eltern, Schwärmereien, das Wälzen der grossen Fragen: Bei vielen Lesern lösten die Porträts Erinnerungen an die eigene Jugend aus. Zum Start der Serie haben wir die Leserinnen und Leser gefragt, mit welchen drei Wörtern Sie ihre Jugend beschreiben würden. Aus rund 250 Antworten haben sich einige gemeinsame Nenner ergeben. Eine Tendenz: Ein Grossteil des Publikums verbindet die eigene Jugend mit glücklichen Erinnerungen. Mit 40 Nennungen steht «Freunde» zuoberst auf der Liste. Ähnlich prägend war die Ausbildung. «Schule» hat es auf den zweiten Platz geschafft, dicht gefolgt von «Kiffen» und «Musik». Auch sonst beschreiben viele der eingesandten Begriffe die Sonnenseiten des Lebens. «Freiheit», «Bier» und «Sex» waren offenbar fester Bestandteil zahlreicher Teenagerleben. Erst der neunte Platz bringt Risse in das seichte Leben: 14 Mal ging der Begriff «Unsicherheit» ein. Weiter sind auf den hinteren Plätzen die Worte «Stress», «Mobbing», «Einsamkeit» und «Depression» zu finden – und «Pickel».

Ein Grossteil der eingegangenen Wörter wurde nur einmal genannt. Spannend sind sie dennoch – oder gerade deswegen: Wir werden wohl nie erfahren, was es mit «Regula» oder «Marcel» auf sich hat. Und dann sind da noch die Dinge, die schon beinahe vergessen waren und aus der Versenkung geholt wurden. Seit dem letzten Glas «Pesca Frizz» oder gar «Hooch» dürften wohl schon einige Jahre verstrichen sein. Der «MSN Messenger» ist schon lange nicht mehr gebräuchlich, der «Walkman» liegt im Brockenhaus. Und auch die «Dauerwelle» ist wohl mittlerweile wieder geglättet worden.

So haben die «Bund»-Leser ihre Jugend definiert:

#blackboxjugend war für die «Bund»-Onlineredaktion kein alltägliches Projekt. Was die Redaktionsmitglieder daraus gelernt haben und was ihnen in Erinnerung bleiben wird, erklären sie gleich selbst.

Martin Erdmann: Als Endzwanziger klammere ich mich immer noch an die Vorstellung, jung zu sein. Von Eigenheim mit offenem Kamin bin ich dann auch noch ein gutes Stück entfernt. Doch das mit der Jugend ist definitiv vorbei, wie mir die Arbeit an dieser Serie gezeigt hat. Das hat mich natürlich dazu veranlasst, voller Wehmut in langsam verblassenden Erinnerungen zu schwelgen. Doch als das erledigt war, kam mir wieder in den Sinn, dass die Jugend nicht nur eitel Sonnenschein war. Planloses Herumeiern auf der Suche nach einer Zukunft, kaum Geld in der Tasche und dann auch noch Mathetests – nein, das vermisse ich wahrlich nicht.

Hanna Jordi: Beeindruckend fand ich die Reaktionen der Leserinnen und Leser auf die Porträts. Neben berührenden «Weiter so»-Stimmen gab es erstaunlich hochnäsige, die über die Zielstrebigkeit der Jungen abätzten. Wer nicht planlos und unangepasst ist, hat die Jugend falsch begriffen? Wohl kaum. Die Kritiker haben ja leicht reden. In den 70ern und darüber hinaus war noch jeder Dritte jung: Die Babyboomer hatten die Narrenfreiheit auf ihrer Seite. Heute ist nur noch jeder Fünfte unter 20, und der Druck auf die Generation ist gewachsen. Etwas mehr Vertrauen bitte sehr – diese Leute wissen ihr Alter schon selbst zu meistern.

Christian Zellweger: Ja, ich war bei der Schülerzeitung. Doch dass ich, der Schüler vom Zürichsee, mit 30 als Journalist in Bern leben würde, darauf wäre ich mit 15 niemals gekommen. Überhaupt waren meine Vorstellungen davon, was es heisst, 25 oder 30 zu sein ziemlich schwammig. Unsere Protagonisten hingegen wissen die meisten genau, dass sie dann Moderator, Musiker, Lastwagenfahrer, verheiratet oder Mutter von zwei Kindern sein wollen und arbeiten zielstrebig auf ihre Träume hin. Und doch: In zehn Jahren geschieht viel – gerade zwischen 15 und 25.

Simon Preisig: Die porträtierten Jugendlichen sind zielstrebig unterwegs. Den meisten schwebt ein ehrgeiziger Berufswunsch vor Augen, sei es Nationalrat, Profimusiker oder Moderator. Dies hat mich beeindruckt und schockiert. Beeindruckt, weil es von langfristigem Denken und Handeln zeugt. Schockiert, weil eine solche Angepasstheit wenig Raum für alternative Wege und Ideen bietet.

Michèle Steiner: Keine coolen Selbstdarsteller, sondern Jugendliche, die einfach nur Freude an ihrem Töffli oder in der Pfadi haben, nicht vorgeben in den Ausgang zu gehen, wenn sie das Geld reut oder mit Clubbesuchen nichts am Hut haben. Mich hat beeindruckt, wie offen die Jugendlichen in den Interviews waren, wie wenig versucht wurde sich zu verbiegen um einer gewissen Vorstellung oder Rolle gerecht zu werden. Berufswünsche, die vom Berufsmusiker bis ins Bundeshaus reichen, wurden formuliert und Wege gezeigt wie sie verfolgt werden. Das finde ich weder langweilig noch hochgegriffen sondern einfach nur ehrlich.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.01.2016, 08:15 Uhr

10. «Bund»-Essaywettbewerb

«Die heutige Jugend – ein Ausbund an Tugend?» fragte «Der Bund» im Rahmen des 10. Essay-Wettbewerbs. Bis Ende Dezember sind 126 Essays eingegangen, davon 93 Texte in der «regulären» Kategorie und 33 Beiträge in der Kategorie «U-21». Die Jury entscheidet Anfang Februar über die drei Hauptgewinner und den U21-Sieger. Die Preisverleihung findet am 6. April 2016 in der Dampfzentrale Bern statt. Die Autorinnen und Autoren lesen ihre Essays, das Publikum stimmt anschliessend über die Rangierung ab. Durch den Abend «führt die Slan-Poetin Hazel Brugger.

Artikel zum Thema

«Ich bin kein Absturz»

Serie Der 19-jährige Patrick Helfer ist auf seinem Ausbildungsweg schon zwei Mal gescheitert. Sein grosses Ziel – das Jurastudium – verlor der Lysser trotzdem nicht aus den Augen. Mehr...

«Ich fühle mich nicht sehr erwachsen»

Porträt Ronja Rennenkampff nervt es, wenn bei der Jugend verallgemeinert werde, verrät, für was sie ein Smartphone brauche und wo sie ihr Geld im Ausgang ausgebe. Mehr...

Der «Bund»-Essaypreis im Livestream

10. «Der Bund»-Essay-Wettbewerb Heute ab 18.30 Uhr an dieser Stelle im Live-Stream: Die Verleihung des «Bund»-Essaypreises, live aus der Dampfzentrale. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Schmucke Brille: Ein Model führt in Mailand die neusten Kreationen von Dolce und Gabbana vor. (24. September 2017)
(Bild: Antonio Calanni/AP) Mehr...