Länggass-Tram erfordert Abbruch der Schanzenbrücke

Die heutige Brücke über den Gleisen des Berner Bahnhofs ist für ein neues Tram nicht stabil genug.

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Autos, Taxis, Busse, Postautos und Velos nutzen sie, um in das Länggassquartier, den Bahnhof oder die Innenstadt zu gelangen: Die Schanzenbrücke ist eine der wichtigsten Verkehrsachsen Berns. Geht es nach dem Willen der Stadt, soll auf ihr künftig auch noch ein Tram fahren. Damit hoffen die Verkehrsplaner den stetig wachsenden Pendlerstrom zu bewältigen.

Das Problem ist nur: Für ein Tram ist die in die Jahre gekommene Brücke zu schwach. «Aus statischen Gründen können wir nicht einfach Gleise auf die Schanzenbrücke legen», sagt Karl Vogel, Berns Chef-Verkehrsplaner. «Wir gehen heute davon aus, dass wir die Schanzenbrücke abreissen und durch eine neue Brücke ersetzen müssen.» Diesen Befund teilen auch die Autoren der Studie, welche die kantonale Bau-, Verkehrs und Energiebehörde in Auftrag gegeben hat (siehe kleinen Text rechts).

«Sehr komplexe Situation»

Der vorgeschlagene Abriss und Neubau der Schanzenbrücke verspricht eine grosse Herausforderung zu werden. Die Studie spricht diesbezüglich etwas technisch von «negativen Implikationen während der Bauphase» und von einer «sehr komplexen Situation». Neben den engen Platzverhältnissen in der Länggasse selber sei der Neubau der Schanzenbrücke eines der «grössten Risiken» für die Akzeptanz des Grossprojekts. Insbesondere der Bahnverkehr der SBB kommt den Plänen in die Quere. Zwar gibt es bislang weder ein fertiges Projekt noch einen politischen Entscheid zu dem Tramvorhaben.

Doch schon jetzt ist für die SBB klar: Ein konkretes Projekt müsste auf jeden Fall eng mit den SBB abgestimmt werden. «Der Bahnverkehr dürfte von den Bauarbeiten nicht tangiert werden», sagt SBB-Sprecher Reto Schärli. Die Brücke müsste also bei laufendem Bahnbetrieb abgerissen und neu gebaut werden – eine kostspielige Angelegenheit. Was allein der Bau der Brücke ungefähr kosten würde, konnte bislang noch niemand sagen. Anfragen bei der zuständigen Bau-, Verkehrs- und Energiebehörde blieben gestern ferienhalber unbeantwortet. Die Kosten für das Gesamtprojekt werden momentan auf rund 100 Millionen geschätzt – inklusive Neubau Schanzenbrücke.

Am meisten betroffen von einem Brücken-Neubau wären aber Quartierbewohner und Pendler des Länggassquartiers selber. Die Planer des Länggass-Trams rechnen mit einer Bauzeit von fünf Jahren, bis 2035 das erste Tram fahren kann. Wie lange allein der Bau der Brücke dauern würde, liess sich gestern nicht in Erfahrung bringen. «Damit bei einem Neubau der Brücke alles weiter läuft, müsste eine provisorische Brücke gebaut werden», sagt Verkehrsplaner Vogel dazu.

Brücke als Chance

In der Länggasse scheint man dem Tramprojekt aber trotz den grossen Hindernissen und wohl auch Ärgernissen insgesamt positiv gegenüberzustehen. «Die meisten Quartierbewohner stehen hinter guten ÖV-Lösungen und würden ein Tram in die Länggasse wohl begrüssen», sagt Daniel Blumer, Geschäftsführer der Quartierkommission Länggasse-Engehalbinsel. Die Kommission wird die Machbarkeitsstudie an ihrer nächsten Delegiertenversammlung besprechen.

Konkret zur Brückenfrage äusserte sich Reto Braun vom Länggassleist: «Diese Brücke ist weder ein Heiligtum noch eine Schönheit», sagt er. Abriss und Neubau könnten deshalb eine Chance sein, den Verkehr in die Länggasse besser zu regeln. Im Moment sei die Verkehrssituation eher eine Zumutung. Die Taxistandplätze auf der Brücke müssten ebenso wie die Veloabstellplätze hinterfragt werden. «Die Verkehrsführung kann für Velos, Busse und Postautos auf einer neuen Brücke stark verbessert werden», so Braun.

Wer bezahlts?

Die Stadt möchte die Kosten des Projekts zu gleichen Teilen unter Bund, Kanton und Stadt aufteilen. Dazu will sie laut Vogel bereits 2020 ein erstes Vorprojekt beim Agglomerationsprogramm des Bundes eingeben. Auch noch offen ist, ob sich die Eigentümer – die SBB, die Post und die Grosse Schanze AG – an den Kosten beteiligen werden. Dafür spricht, dass die Eigentümer von einem Neubau profitierten, da die 60-jährige Brücke ohnehin in 20 bis 30 Jahren totalsaniert werden müsste.

Neben der Frage, wie denn nun Velos und Tram in der engen Länggasse künftig aneinander vorbeikommen, gibt es also noch weitere offene Fragen zu dem Grossprojekt. Allerdings bleibt noch Zeit, diese zu klären und der Stimmbevölkerung ein fertiges Projekt vorzulegen. Laut Vogel wird die Abstimmung voraussichtlich in zehn Jahren stattfinden. (Der Bund)

Erstellt: 12.04.2018, 06:37 Uhr

Studie

Tram ist «Bestvariante»

Die Buslinie 20 Bern Bahnhof–Wyler–Wankdorf Bahnhof und der Linienast Länggasse der Buslinie 12 sind heute in den Hauptverkehrszeiten überlastet. Das Problem wird sich in Zukunft noch verschärfen, da vor allem in der Länggasse durch den Ausbau der Universität von einem starken Wachstum ausgegangen wird. Der Kanton gab deshalb schon vor Jahren eine Studie in Auftrag, welche Lösungen aufzeigen sollte, wie künftig der ÖV ausgebaut werden kann. Diese Studie kommt zum Schluss, dass der Bau einer neuen Tramlinie vom Bahnhof bis Länggasse die «Bestvariante» darstellt. Zusätzlich schlagen die Autoren der Studie vor, die 20er-Linie Richtung Wyler mit einem neuen Shuttle-Bus bis zur Gewerbeschule zu entlasten. (ama)

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