Kurz frottiert: Wir segeln 
im Morgen
grauen

Die Navy machts vor: Bei einem späteren Unterrichtsbeginn sind die Leistungen angeblich höher.

Simon Wälti

Bereits um 7.30 Uhr mit der Schule zu beginnen, kann ganz schön hart sein – für alle Betroffenen, von den Eltern über die Kinder bis zu den Lehrern, nicht zu vergessen die Abwarte. Die städtische Schuldirektion von Franziska Teuscher (GB) hat das Problem der morgendlichen Müdigkeit erkannt und will, dass der Unterricht für Schülerinnen und Schüler der 7. Klasse nicht mehr um halb acht, sondern erst später beginnt (siehe auch «Bund» vom Samstag). Bei einem späteren Unterrichtsbeginn seien die Leistungen signifikant höher, gab der Stadtberner Gesundheitsdienst bekannt. Das hätten wissenschaftliche Studien ergeben. Dabei nimmt man Bezug auf Untersuchungen an 17- bis 19-jährigen Rekruten der US Navy. Klingt reichlich absurd. Biorhythmus im Eimer

Soweit ich informiert bin, sind Kinder der 7. Klasse schätzungsweise 13-jährig und nicht 17- bis 19-jährig, sie schlafen auch nicht in Schlafsälen in Baracken, sondern meist in Einzel- oder Zweierzimmern. Auch gibt es keinen Feldwebel, der das Licht löscht oder die Navy-Hymne vorsingt: «Den Anker gelichtet, meine Knaben, wir segeln im Morgengrauen!» Zu früheren Zeiten mussten die US Rekruten schon um 04.00 Uhr aufstehen, später dann um 06.00 Uhr. Den Rekruten wurden zwei Stunden Schlaf mehr gewährt. 06.00 Uhr würde für den Unterrichtsbeginn um 07.30 ja füglich reichen. Um 04.00 dagegen ist der Biorhythmus wohl bei allen lebendigen menschlichen Lebensformen im Eimer. Hat man diese Leistungsfähigkeiten verglichen? Und wobei? Liegestützen machen? Gefechtsschiessen? Flugzeugträgerdeck wischen? Und wie hoch war denn der Frauenanteil?

Offenbar hat man auch festgestellt, dass die Rekruten um 21.00 Uhr einfach noch nicht schlafen wollten. War schon jemand in einem Skilager? Kann man daraus etwas für den Alltag von 13-Jährigen ableiten? Und überhaupt: Wenn Unaufmerksamkeit und Undis­zipliniertheit nicht mehr in der Lektion ab 07.30 auftreten können, dann würden sie wohl neu in der letzten Lektion nach 16.00 um sich greifen. Zur wissenschaftlichen Untermauerung eine Studie der US Navy heranzuziehen, ist einfach absurd. Da kann man auch den 100-jährigen Kalender nehmen oder im Tierpark die Rüsselspringer beobachten. Im ersten Fall käme man zum Schluss, dass man beim Lernen die Mondphasen zu beachten hat (Neumond-Proben ergeben bessere Resultate), im zweiten Fall gelangte man zur Überzeugung, dass Herumhüpfen die Lebensgeister weckt.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt