Kultur in den Bruchstellen der Stadt

Von Rast bis Transform: Die kulturelle Nutzung von leerstehenden Kämmerchen und Fabriken liegt im Trend.

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Es kommt Leben in die Stadt: Zwischennutzungen liegen im Trend. Immer mehr junge Kulturschaffende lassen sich für kurze Zeit in ehemaligen Steinmetzateliers, kleinen Kämmerchen oder Fabrikhallen nieder. Die Vielfalt ist gross: Am Freitag zügelt das Kunstprojekt Transform in die Nähe der Kehrichtverbrennungsanlage, während das Projekt der Kulturnomaden von Rast am Kurzweg in einer grossen Sause gipfelt. Vor Kurzem hat sich zudem in einem Schaufenster am Bierhübeliweg das Projekt DA eingenistet – und am Randweg projiziert Projekt Balk Kunst auf die Balkone des Gymfit-Blocks. Weitere Projekte stecken in den Kinderschuhen.

«Das Bedürfnis nach nicht-kommerziellen Räumen, die selber gestaltet werden können, ist spürbar», sagt Christian Pauli, Präsident des Vereins Bekult, der den Trend ebenfalls beobachtet. Doch eigentlich sei es nichts neues, habe es ähnliches doch schon immer gegeben. Er denkt dabei an die Achtzigerjahre mit ihren wilden Bars, beispielsweise jene unter der Kirchenfeldbrücke. Während es früher eher um Bars und Feste ging, stehe heute vermehrt die Kunst im Zentrum, so Pauli.

«Die Kultur geht ins Quartier»

Einen Überblick über alle Projekte zu gewinnen, ist schwierig. Und auch die Vorstellungen, was solche nomadischen Kulturkonzepte sind und was sie erreichen können, sind nicht die gleichen. Ganz grob lassen sich aber zwei Typen von Zwischennutzungen unterscheiden: Die einen möchten möglichst viele ansprechen und bewegen, die anderen, die Kunstprojekte, ziehen eher ein enger gefasstes Kunstpublikum an. Allen Projekten gemeinsam, ist einzig, dass sie brachliegende und leerstehende Räume «zwischennutzen», bevor diese einem Neubau weichen müssen.

«Jede Stadt muss bauen, klar. Aber genau so entstehen in der Stadt diese spannenden Bruchstellen», sagt Pauli. Und genau in jene Bruchstellen und Nischen schlägt sich die junge Kultur. Die Kultur komme aus den etablierten Räumen weg, es entstehe ein urbanes Lebensgefühl. «Die Kultur geht ins Quartier», sagt Pauli.

Wer vor dreissig Jahren ins Quartier zog, um Kultur zu veranstalteten, musste mit Konsequenzen rechnen – zumindest wenn man dem Züri West-Song «Hansdampf» glaubt: «We z’Bärn öpper Kultur macht, de chunnt meischtens nume d’Polizei.» Das sei heute schon nicht mehr so, sagt Pauli, aber grosse Lust auf neue Projekte und Veränderungen sei bei den Behörden immer noch nicht spürbar.

Kerzenziehen und Marroni

Ebenfalls am Freitag endet die Vernehmlassung des Nachtleben-Konzepts, das eben solche Konflikte verhindern soll. In diesem Konzept ist auch eine Massnahme vorgesehen, die insbesondere Jugendlichen den Zugang zu freien ungenutzten Räumen ermöglichen soll. Eine Datenbank soll freie Räume auflisten und so die Bedürfnisse der jungen Kulturschaffenden mit dem Angebot der Stadt und den Privaten zusammenbringen.

Wie es mit dieser Massnahme aber konkret weitergeht, zeigt sich erst im Februar 2013, wenn der Bericht zum Konzept dem Gemeinderat vorliegt: «In welcher Form diese Massnahme umgesetzt wird und ob die Raumbörse auch für kulturelle respektive künstlerische Zwischennutzungen angeboten werden soll, wird sich nach Abschluss der Vernehmlassung zum Konzept Nachtleben zeigen», heisst es vonseiten der Abteilung Kulturelles der Stadt Bern.

Derweil ist das nächste Projekt bereits angekündigt: Das Team, das im Sommer die Waschküche im Beaumont-Quartier betrieben hat, zieht vom Salon ins Freie: Es feiert Mitte Dezember auf dem Kleeplatz ein Winterwunderland mit Live-Painting, Kerzenziehen und Marroni. Es ist Leben in der Stadt – besonders in ihren Bruchstellen.

DerBund.ch/Newsnet

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