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«Kultur braucht Freiraum, nicht Kontrolle»

Norbert Wiedmer erhält heut den Berner Filmpreis. Für ihn ein Anlass, sich für die Berner Filmpolitik zu bedanken – und die eidgenössische zu kritisieren.

Nach über 25 Jahren Tätigkeit im Berner Film ist es mir ein Anliegen, heute, am Tag des Berner Filmpreises, ein paar persönliche Gedanken zur Berner Filmförderung und zu den Auswirkungen der aktuellen eidgenössischen Filmpolitik zu formulieren.

Die Aufmerksamkeit, die viele Berner Filmschaffende von der Berner Filmförderung seit Jahren erhalten, berührt mich heute mehr denn je. Man spürt, dass unsere Werke nicht nur nach ökonomischen Gesichtspunkten beurteilt werden, sondern dass Interesse, Kenntnis und das Wissen um den Mehrwert von Kultur hinter der Arbeit des Amtes für Kultur stecken. Die Entwicklung der eidgenössischen Filmpolitik geht in die konträre Richtung. Die Spitzenförderung und die Favorisierung des Produzentenmodells gibt nicht nur mir zu denken. Da diese Politik bis heute keine wirklichen Erfolge vorzeigen kann, werden handwerklich befriedigend gestaltete Fernsehfilme zu helvetischen Film-Lokomotiven erklärt. Hatte einer dieser Filme eine Ausstrahlung über unsere Grenzen hinaus? Die wenigen Ausnahmen, die es dennoch gab, sind dem Bereich des Autorenfilms zuzuordnen und nicht durch die eidgenössische Kulturplanwirtschaft und schon gar nicht durch das Fernsehen erkannt und gefördert worden, sondern wurden durch das mutige Handeln und Vorangehen kantonaler Förderungen, privater Geldgeber oder das Engagement internationaler Partner möglich gemacht.

Obschon von höchster Stelle beteuert wird, dass man den Autorenfilm – zu dem auch der international nach wie vor erfolgreiche Schweizer Dokumentarfilm zu zählen ist – auf keinen Fall aus den Augen verlieren will, passiert in der Praxis genau das Gegenteil. Die Politik wünscht sich den grossen Produzentenfilm in der irrigen Annahme, die Gelder effizienter und kontrollierter einsetzen und den international konzipierten Filmen besser Paroli bieten zu können. Dabei sind die kleinen, unbekümmerten, frechen und auch unberechenbaren Filme authentischer, glaubwürdiger und dadurch befähigt, auch ausserhalb des nationalen Marktes aufzufallen. Ist man nun mal klein, erscheint man nicht dadurch bedeutender, dass man sich den Anzug des grossen Bruders ausleiht. Anstelle von Verwaltung, Berechenbarkeit und Kontrolle wären mehr Mut, Risiko und Fantasie gefragt.

Aus diesen Gründen wird für uns Berner Filmemacher die regionale Filmförderung immer wichtiger. Durch ihr Prinzip, nach Möglichkeit zu fördern und nicht zuerst einmal zu verwalten, schafft sie für die Filmschaffenden Motivation und Identität. Sie ist Heimat und bringt dadurch immer wieder Filme hervor, die alles andere als regional, durchschnittlich oder provinziell sind, die aber den Kriterien der eidgenössischen Filmförderung mit ihren prioritär ökonomischen Vorgaben nicht zu genügen scheinen. Insofern leistet die Berner Filmförderung im Kleinen das, was man von der eidgenössischen Filmförderung und vom Schweizer Fernsehen mit seinem Pacte de l’audiovisuel eigentlich erwarten dürfte. (Film)-Kultur muss sich nicht zuallererst durch Rentabilität auszeichnen, um förderungswürdig zu sein. Sie darf im wahrsten Sinne des Wortes unberechenbar bleiben und bringt nur so auch Ausserordentliches hervor, das kraft seiner Authentizität internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Kultur braucht Freiraum und nicht Kontrolle. Sie braucht Vertrauen, um Vertrautes, aber auch Beunruhigendes, aufzugreifen und in überdachter Form wiedergeben zu können. Kultur ist Profit ohne Kontoauszug. Kultur schafft Zukunft.

Der Berner Filmemacher Norbert Wiedmer erhält heute zusammen mit Peter Guyer den Filmpreis für «Sounds and Silence».

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