Kritisches Echo auf Mehrspartenhaus

Die Zusammenführung von Dampfzentrale und Schlachthaus-Theater stösst in Kulturszene und Politik auf Kritik. Die Bürgerlichen ärgern sich über die im Vierjahresplan vorgesehene Erhöhung des Kulturbudgets.

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Bernhard Ott@Ott_Bernhard
Regula Fuchs

Ist das nun die lang ersehnte Kultur­strategie der Stadt Bern? Oder eben die «Vierjahresplanung zur Kulturförderung», wie der Gemeinderat schreibt? Fakt ist: Die Vertreter all jener Fraktionen im Stadtrat, die vom Gemeinderat die Ausarbeitung einer Kulturstrategie gefordert haben, sind wenig erfreut. «Das ist keine Strategie, sondern ein ­Finanzplan», sagt Daniela Lutz (GFL) auf Anfrage.

Der Finanzplan enthalte aber auch strategische Entscheide wie die angestrebte Zusammenführung von Dampfzentrale und Schlachthaus-Theater, «die eher Bestandteil einer Kulturstrategie sein sollten», sagt Lutz. Eine Kulturstrategie müsste aber auch andere Aspekte wie zum Beispiel das Nacht­leben einbeziehen. «In diesem Sinne ist das Ergebnis enttäuschend», sagt Lutz. Auch das Grüne Bündnis (GB) vermisst im Papier einen «Beitrag der Kultur zu Fragen der Stadtentwicklung, der Unterstützung einer lebendigen Quartier­kultur und der Jugendkultur». Der FDP wiederum fehlen Prioritätensetzung und klare Förderkriterien. Sie kommt zum Schluss: «Wenn der Stadtpräsident die heisse Kartoffel nicht anfassen will, sollte er das Kulturdossier abgeben.»

Mehr Geld fürs Mehrspartenhaus

In der Tat ist der Vierjahresplan nicht mehr und nicht weniger als eine Regelung der Kultursubventionen 2016 bis 2019. Die Neuregelung der Subventionen zwischen Kanton, Region und Stadt hat die Stadt Bern um sechs Millionen Franken entlastet, wobei 1,4 Millionen Franken wieder an die Kultur zurückfliessen (siehe Kasten). Dabei sollen auch Schwerpunkte in den Bereichen «zeitgenössische Kultur», «koordinierte Vielfalt» und «kulturelle Teilhabe» gesetzt werden, wie es im Vierjahresplan heisst. Die letzteren zwei Bereiche sind allgemein genug gehalten, um niemandem wehzutun. Bei ihnen geht es um die Zusammenarbeit der ­Kulturinstitutionen und das Erschliessen neuen Publikums.

Im Zentrum des Schwerpunktes «zeitgenössische Kultur» steht aber jenes Mehrspartenhaus für die freie Szene, das ein «Gegengewicht zu Konzert ­Theater Bern» bilden soll. Die Vorstände von Dampfzentrale und Schlachthaus-­Theater prüfen zurzeit mit externer Unterstützung, wie die Institutionen unter einem Dach vereinigt werden können.

Das Ziel ist klar: «Die beiden Häuser sollen per 1. 1. 2016 zusammengeschlossen und ihre Subventionen zusammengelegt werden.» Mit der geplanten Erhöhung der Subventionen um 200 000 Franken wird das Budget des neuen Hauses 3,6 Millionen Franken betragen, wobei 890 000 Franken als Miete an die Stadt zurückfliessen. Auch wenn diese Subvention an eine Institution gebunden sei, «kommt sie doch zu einem guten Teil der freien Szene zugute, die an beiden Häusern auftritt», heisst es im Plan.

Aufschrei der Kulturschaffenden

Die Freude der direkt beteiligten Institutionen hält sich aber in Grenzen. Vorstände und Geschäftsleitungen würden die Prämisse einer einzigen Trägerschaft als Basis für den Prozess «nicht akzeptieren», heisst es in einem Schreiben vom 6. Juni an die städtische ­Kulturbeauftragte Veronica Schaller. Der Berufsverband der freien Theaterschaffenden (Act) wiederum hatte eine Petition mit 1000 Unterschriften eingereicht, die von Frau Schaller «ignoriert» worden sei, wie es in einer Mitteilung heisst.

Der Verband fordert «den Dialog mit der Kulturabteilung der Stadt Bern anstelle des Monologs von Frau Schaller». Eine Kultur­beauftragte, die das Gespräch mit den Kulturschaffenden verweigere, «hat ihr Amt verwirkt», hält der Verband fest. «Befremdet» ist auch Bekult, der Dachverband der Berner Kulturveranstalter. Er befürchtet, dass die beiden Institutionen ihr jeweils eigenes Profil verlieren könnten und bedauert die «autoritative Anordnung einer Fusion» durch die Abteilung Kulturelles der Stadt Bern.

Gross ist die Skepsis auch beim Schlachthaus-­Theater. Leiterin Maike Lex geht nach wie vor nicht von einer Fusion aus. «Ich sehe im Moment keine Veranlassung, dass das die beste Perspektive für die beiden Häuser oder die Kulturschaffenden sein soll.» Man sei zur Überprüfung von Kooperationsmöglichkeiten bereit. «Aber die Trägerschaften von Schlachthaus und Dampfzentrale sind zwei autonome Vereine. Nur wir selber können entscheiden, ob wir uns zusammen­schliessen wollen», sagt Lex.

Dampfzentrale gibt sich gelassen

Aus der Dampfzentrale sind moderatere Töne zu vernehmen. «Wir stehen dem Prozess grundsätzlich offen gegenüber», sagt Vorstandsmitglied und SP-Stadt­rätin Nicola von Greyerz. Die Zusammen­führung beider Institutionen sei zunächst einmal der Wunsch des Gemeinderates und nicht eine Drohung. «Ob das die beste Lösung ist, werden die angelaufenen Gespräche zeigen», sagt von Greyerz. Ins gleiche Horn stösst Edith Siegenthaler, Co-Präsidentin der SP Stadt Bern. «Vielleicht ist nicht optimal kommuniziert worden.» Das Zusammen­gehen der beiden Institutionen sei aber bloss ein Vorschlag. «Man kann ihn jetzt ergebnisoffen diskutieren», sagt Siegen­thaler. Auch für die GLP hat das Zusammengehen von Schlachthaus und Dampfzentrale Potenzial. «Es funktioniert aber nur, wenn beide Institutionen dies auch wollen», sagt Melanie Mettler.

Bürgerliche gegen Erhöhung

Grundsätzliche Kritik am Vierjahresplan äussern die Fraktionen SVP und BDP/CVP. Ihnen stösst vor allem die Erhöhung der Kultursubventionen um 1,4 Millionen Franken auf. «Es ist nicht im Sinn der BDP, wenn die Stadt eingespartes Geld gleich wieder ausgibt», sagt Kurt Hirsbrunner (BDP). Auch sei wenig ersichtlich, nach welchen Kriterien die vorgesehenen Subventionserhöhungen zustande gekommen seien. Die Stadt präsentiere einen fixfertigen Vierjahresplan, der trotz Vernehmlassung kaum mehr abgeändert werden dürfte, sagt Hirsbrunner.

Aufgrund des Vierjahresplans und der Ergebnisse der Vernehmlassung werden die Leistungsverträge mit den Kulturinstitutionen ausgearbeitet. Das Volk wird Mitte Juni 2015 darüber ­abstimmen.

Der Bund

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