Zum Hauptinhalt springen

Krankenkasse muss an Rettung einer Familie in Bergnot bezahlen

Das Verwaltungsgericht verurteilt eine Krankenkasse zur Zahlung eines Teils der Rettungskosten einer Familie, die in Bergnot geriet.

Am 28. September 2007 unternahm eine Familie eine Bergwanderung im Tessin: Mit dabei waren der Vater, die Mutter und ein siebenjähriger Bub; ein einjähriger Bub wurde in einer Kindertrage mitgeführt. Die Familie, die für eine Sommertagswanderung ausgerüstet war, wurde auf 2200 Metern oberhalb der Baumgrenze von einem Wetterumsturz überrascht. Ein Schneesturm setzte ein mit starkem Wind, Nebel zog auf, die Temperatur sank unter den Gefrierpunkt. Die Wanderer verloren die Orientierung. Mit dem Handy konnte die Familie der Tessiner Kantonspolizei telefonieren. Diese alarmierte die Alpine Rettung des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) und die Schweizerische Rettungsflugwacht (Rega). Wegen des schlechten Wetters war eine Rettung aus der Luft nicht möglich, eine Bodenrettung wurde eingeleitet. Kurz vor 19 Uhr fanden die vier Retter die vermissten Personen; sie führten sie auf rutschigem und schneebedecktem Boden hinab zur Bergstation einer Seilbahn, wo sie ärztlich untersucht wurden. Der einjährige Bub zeigte bei der Untersuchung durch den Notarzt bereits Anzeichen einer Unterkühlung. Die Geretteten wurden mit der Seilbahn ins Tal gefahren. Später fuhren sie mit dem Auto nach Hause.

Retter stellen Rechnung Für die Rettungskosten stellten Rega und SAC Rechnung, sie forderten 3228 Franken pro gerettete Person, insgesamt: 12 912 Franken. Die Rega hatte, auch wenn eine Rettung aus der Luft nicht möglich war, einen Helikopter eingesetzt, um die Retter ins Einsatzgebiet zu bringen. Gemäss dem Krankenversicherungsgesetz (KVG) und der Krankenpflege-Leistungsverordnung haben die Krankenkassen in ihrer Grundversicherung für Rettungen in der Schweiz 50 Prozent der Rettungskosten zu bezahlen, dies bis zu 5000 Franken pro Kalenderjahr.

Kasse will nicht zahlen Im Fall der Tessiner Bergrettung aber verweigerte die Krankenkasse der Mutter und der beiden Kinder eine Kostenübernahme. Begründung: Es liege keine Rettung vor, für die ein Krankenversicherer zahlen müsse: Nicht ein Unfall oder eine Krankheit seien der Grund für den Bergungseinsatz gewesen. Es seien vielmehr unverletzte Leute geborgen worden, die sich bei einem Wetterumschwung verirrt hätten. Diese seien nach der Bergung im Privatauto nach Hause gefahren. Erst im Nachhinein habe man eine Notsituation geschildert, die zu Beginn des Rechtsstreits gar nicht geltend gemacht worden sei, weil sie nicht vorgelegen habe. Mutter und Kinder gelangten darauf ans Berner Verwaltungsgericht – und erhielten recht, wie dessen kürzlich veröffentlichtes Urteil zeigt. Der zuständige Einzelrichter sah durchaus eine Rettungssituation im Sinne des Krankenversicherungsgesetzes: Die Familie sei aus einer Lage befreit worden, in der ihre Gesundheit und ihr Leben akut bedroht gewesen sei.

Ohne Rettung der sichere Tod Der Richter stützte sich insbesondere auf die Einschätzung des Rega-Arztes und des SAC-Rettungschefs. Der Arzt hatte befunden, die Familie sei ungenügend ausgerüstet gewesen, ihre Kleider seien schnell stark durchnässt gewesen, beim Schneesturm und der Kälte hätten sich die Wanderer rasch abgekühlt. Der einjährige Bub hätte eine Nacht bei diesen Verhältnissen nicht überlebt, und auch die drei anderen Personen wären mit grosser Wahrscheinlichkeit gestorben oder hätten zumindest erhebliche gesundheitliche Schäden erlitten. Und der Rettungschef hatte erklärt, eine Übernachtung in den Bergen unter den gegebenen Umständen hätte den sicheren Tod der ganzen Familie bedeutet. Der Richter verurteilte darum die Kasse, für die drei bei ihr versicherten Personen die Hälfte der Rettungskosten (4842 Franken) zu übernehmen. Ausserdem muss die Kasse den Versicherten die Anwaltskosten von 5000 Franken ersetzen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch