«Konflikte darf man nicht persönlich nehmen»

Der Gruppenleiter Stephan Funke sieht in den Kindern im Sonderschulheim Mätteli zuerst die Menschen, nicht die Behinderung.

Gute Nerven und Freude an der Arbeit im Mätteli: Stephan Funke.

Gute Nerven und Freude an der Arbeit im Mätteli: Stephan Funke.

(Bild: Adrian Moser)

Markus Dütschler

Kriseninterventionsgruppe heisst die Einheit im Sonderschulheim Mätteli in Münchenbuchsee, die Stephan Funke seit 2014 leitet. Klingt nach «5 vor 12». Funke sagt: «Wenn die Kinder zu uns kommen, ist es oft schon halb eins.» Eltern, Lehrkräfte und sonstige Beteiligte seien «längst am Ende ihres Lateins».

Das behinderte Kind habe sich in seiner Verzweiflung oft aggressiv verhalten – gegen sich oder sein Umfeld. Doch die Sorgenkinder werden weder weggesperrt noch versorgt: Vor der Verlegung ins Mätteli werde im Austausch mit Eltern, Ärzten, Lehrkräften und bei Bedarf weiteren Fachpersonen im «Indikationsgespräch» eine Auslegeordnung gemacht, es gebe Telefonate und E-Mails, um gemeinsam zu einem Entschluss zu gelangen.

«Oft stellt sich heraus, dass das Problem nicht nur beim Kind liegt.»

Dann komme das Kind für eine befristete Zeit von acht bis zwölf Wochen in diese KIG. Es gelte herauszufinden, wo der Knopf sei. Wenn ein Kind eine Zeit lang aus seinem gewohnten «System» herausgenommen werde, kläre sich manchmal allein dadurch einiges. Man begleite das Kind und erkenne mit der Zeit Lösungsansätze. «Oft stellt sich heraus, dass das Problem nicht nur beim Kind liegt, sondern auch im System.» Wobei mit System alle gemeint sind, die das Umfeld des Kindes ausmachen: Elternhaus, Schule und vieles mehr.

Die Auszeit sei auch für die oft entnervten Eltern oder Lehrkräfte erholsam und schaffe die nötige Distanz. Manchmal wirke es sich auch positiv aus, wenn ein Medikament anders dosiert und pädagogische Massnahmen einbezogen würden.

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Gewalttätige Kinder? Es gebe Formen von Autismus, die nicht der harmonischen Situation im Film «Rain Main» entsprächen. «Manchmal verstehen diese Kinder gar nicht, dass sie mit ihrer Aggression den Lehrern oder Eltern Schaden zufügen.» Ohnehin dürfte das Klischee von den stets lieben Behinderten kaum stimmen.

Funke bejaht. «Manche haben ein sehr gutes Sensorium dafür, wie man jemanden auf 180 bringt.» Gute Nerven seien von Vorteil. «Aber man darf das nicht persönlich nehmen», findet Funke. Es sei klüger, hinauszugehen, um sich zu beruhigen, statt sich auf einen Machtkampf einzulassen.

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Das Mätteli feiert am Montag das 50-Jahr-Jubiläum. Funke hat die Hälfte dieser Zeit als Mitarbeiter miterlebt. Der 57-Jährige machte einst eine Elektrikerlehre, doch wollte der begeisterte Pfadiführer mehr mit Menschen zu tun haben, weil sich deren Wesen nicht einfach so mit einem Phasenprüfer erkunden lässt.

Aussenstehende denken oft, Krankenpflege oder die Betreuung von Behinderten wäre nichts für sie. «Nicht alle müssen das können», sagt Funke und lacht einmal mehr schallend. «Ich sehe zuerst den Menschen und erst danach die Behinderung.» Darum finde er es nicht «gruusig», wenn ein Kind beim Essen etwas sabbere.

Natürlich sei es auch für ihn kein Vergnügen, eine Wand zu putzen, die ein Kind mit Fäkalien verschmiert habe, «aber das kommt zum Glück selten vor». Funke hat während seiner Ausbildung noch erlebt, dass die Leiter als «Heimeltern» in der Institution wohnten, wie das auch bei Mätteli-Pionier Hans Walther-Witschi der Fall war. Um 12 Uhr erklang der Gong, dann versammelten sich alle im Esssaal.

Heute setzt man in Heimen wieder stärker auf eine familiäre Situation in Wohngruppen, in denen gegessen und gelebt wird. «Wobei man Familie mit drei Anfangs- und Schlusszeichen schreiben muss», sagt Funke. «Wir können und wollen kein Familienersatz sein.» Viele Kinder im Mätteli hätten eine Beeinträchtigung, mit der das «Familiensystem» überfordert sei. Hier biete das Sonderschulheim eine wichtige Unterstützung.

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Was hat sich während Funkes langer Dienstzeit verändert? Es gebe mehr Papierkram, so wie in der Volksschule. Alles müsse dokumentiert werden. Das habe den Vorteil, dass Entscheide nachvollziehbar seien, aber es verschlinge viel Zeit. Und nicht immer würden Entscheide akzeptiert. Wie in der Volksschule werde eine Betreuungsperson im Heim nicht von allen Eltern als Autorität anerkannt.

Doch wenn Funke wieder einmal sein schallendes Lachen ertönen lässt, glaubt man ihm gern, wenn er sagt: «Mir macht die Arbeit Spass, wenn auch nicht jeden Tag gleich stark.» Die Tätigkeit sei kurzweilig, man wisse nie genau, was einen erwarte, darum müsse man sehr flexibel sein.

Der Bund

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