Kommt die BLS, hört der Bauer auf

Ein Augenschein am Rande des Chliforsts: Was sagt der Landwirt, dessen Kühe auf dem Boden weiden, den die BLS für ihre Werkstätte beansprucht?

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Marc Lettau

Landwirt Hans Matter und Pavo Banovic haben den Elektrozaun um ihre Viehweide beim Chliforst kontrolliert und repariert, während über ihren Köpfen – auf dem erhöhten Bahndamm – die Züge vorbeirauschten. Hinter dem Zaun grasen Mutterkühe und ihr Jungvieh: Es sind sogenannt glückliche Rinder, weil sie dereinst unter dem Label Naturabeef zur Delikatesse veredelt in der Kühltheke liegen werden. Alles andere als glücklich ist derzeit Hans Matter: Er bewirtschaftet Pachtland, das er verlieren wird, sollte der BLS erlaubt werden, ihre geplante Werkstätte im Gebiet Chliforst zu erstellen.

Pächterschicksal in drei Kapiteln

Matter ist konsterniert. Seit Neujahr tragen seine Tochter Claudia und ihr Partner Pavo Banovic die Verantwortung für den Hof – und seit Neujahr wird dem Betrieb die Existenz streitig gemacht. Wird die BLS-Werkstätte gebaut, verliert der Hof rund sechs Hektaren Pachtland. Das hiesse, dass der Hof aufgegeben werden müsste, sagt Matter. Er sagt es so bestimmt, weil es heuer bereits der zweite «Angriff» auf ihre bäuerliche Existenz ist. Der erste erfolgte im Viererfeld, wo vom Hof Chliforst aus 7,5 Hektaren gepachtetes Weide- und Ackerland bewirtschaftet werden. Nach dem Ja des Stadtberner Souveräns zugunsten der Überbauung des Viererfelds wird auch dieses Kulturland wegfallen.

Die Vergangenheit liefert gar noch eine Vorgeschichte zum Thema Verdrängung: Ein Jahrhundert lang bauerten die Matters auf dem Viererfelder Musterhof, der 1914 anlässlich der Landesausstellung in Bern erstellt wurde. 1968 wurde der Hof abgebrochen. Matters mussten umsiedeln. Der Ausweg hiess Chliforst. Für Matter ist das Ganze nicht nur Schicksal, sondern auch Beleg fürs Ausgeliefertsein von Pächtern. Matters bewirtschaften ausschliesslich Pachtland: «Und als Pächter hat man in solchen Debatten keinen Hebel. Man hat nichts, das man in die Waagschale werfen könnte.»

Holzen im Tankwäldli

Ans östliche Ende von Matters Viehweide grenzt ein kleines Wäldchen. Es würde beim Bau der Werkstätte verschwinden. Ortsansässige nennen es Tankwäldli. Der wenig poetische Name hat einen historischen Hintergrund: Im Zweiten Weltkrieg wurden hier in Tanks Treibstoffnotvorräte für die Städtischen Verkehrsbetriebe gebunkert, getarnt durch die waldige Kulisse.

Am westlichen Ende der Weide nutzt das Vieh den dortigen Bach als Tränke. Der Bach, an dem auch Feuersalamander heimisch sind, schlängelt sich am artenreichen Waldsaum, an welchen Ökoflächen und Blumenwiesen angrenzen, vorbei dem Gäbelbach entgegen. Genau in diesem Waldstück würde die konfliktträchtigere der beiden Rodungen nötig, die das BLS-Projekt nach sich zöge: Die ökologische Nische zwischen Bahnlinie und Gäbelbach verschwände weitgehend. Anwohner sehen hier nicht nur den Wald, sondern auch die Bewegungen in ihm. Just durch den vom Projekt tangierten Zipfel führt der Wildwechsel vom Chliforst in den weiter nördlich gelegenen Spilwald. Landwirt Matter sagt, er sehe hier regelmässig Rehe und Wildschweine passieren.

Zweite Rodung im gleichen Wald

Von Wald zu Wald ziehen könnte doch das Wild – sollte die Werkstätte gebaut werden – ja auch weiter westlich. Nein, sagt Matter, denn dort liege ja das weiträumige und umzäunte Areal der einst als «militärisches Objekt» gebauten Übungspiste Gäbelbach. Die ausgediente Anlage, keine 500 Meter von der geplanten Werkstätte entfernt, ist eine zonenrechtliche Merkwürdigkeit in dem aus naturschützerischer Sicht wertvollen Gebiet: Die in den Wald geschlagene Lichtung samt Übungs-Trümmerdorf liegt in der Schutzzone entlang des Gäbelbachs. Die im Zeitgeist der 1970er-Jahre mit einer militärischen Sonderbaubewilligung geschaffene Anlage wirft ihre Schatten auf die anlaufende Debatte: Auch die BLS-Werkstätte läge zum Teil in der Schutzzone.

Matter ist betrübt, weil der Hof Chliforst den Boden für seine Weiterexistenz zu verlieren droht und weil aus seiner Sicht zugleich ein Stück Vertrauen zerbricht: «Ich habe den Glauben an die Ehrlichkeit verloren.» Wo liest er solches ab? Matter verweist auf die zurückliegende, interessengeprägte Taktiererei und auf die «kuriose» Debatte über die Verlegung der Schiessanlage Riedbach. Ihre Verlegung in den Untergrund unter die zu bauende BLS-Werkstätte soll es erlauben, den heutigen Kugelhang abzutragen und zu renaturieren. Matter schüttelt den Kopf. Mal heisse es, das gewonnene Land könne man für Aufforstungen nutzen. Mal heisse es, es entstehe so neues Pachtland. Matter: «Es ist aber so oder so bloss eine einzige Hektare.»

Der Bund

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