«Komm, wir jagen ein Reh»

Auf dem Heimweg vom Berg ins Tal kommt die Wahrheit ans Licht. Der Mensch darf sich zum letzten Mal wie ein Tier verhalten.

Beim Abstieg das Konzert Revue passieren lassen.

Beim Abstieg das Konzert Revue passieren lassen.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Am Nachmittag an der Talstation hatten sie sich noch feindselig beäugt. Jetzt stolpern sie vereint den staubigen und steilen Weg vom Gurten hinab: die Menschen, die mit der Bahn auf den Gurten fuhren, und die anderen, die wanderten. Die Warteschlange vor der Gurtenbahn für nach unten ist immer kürzer als für nach oben. Ohne zu zögern, fast wie ferngesteuert, biegt ein Grossteil der Besucherschar, die sich nach dem letzten Konzert um drei Uhr in der Nacht auf den Heimweg macht, am Ausgang des Festivalgeländes nach rechts in den Fussweg ab.

Der Abstieg in die Zivilisation beginnt unelegant. Nach wenigen Metern stolpert ein Mann über eine Wasserrinne und flucht. Die in einem Wanderführer als «herrlich und aussichtsreich» gerühmten Pfade sind in der Dunkelheit eine rutschige Angelegenheit. Grosse Aufmerksamkeit erfordert das von den Menschen, besonders wenn sie müde Beine haben vom Tanzen und einen müden Kopf vom Alkohol.

Auf dem Heimweg lässt sich beobachten, wie der Mensch am Open-Air-Festival, gemeinhin definiert als Kultur-Veranstaltung, in den Naturzustand versetzt wird. Die Grundbedürfnisse zu befriedigen, ist das oberste Ziel. Einige männliche Festivalbesucher urinieren direkt am Wegrand, was am nächsten Tag auch in den Quartieren in der Nähe zu riechen sein wird. Schlaf und Nahrung sind weitere Gesprächsthemen. «Komm, wir jagen ein Reh», sagt ein Jugendlicher zum Kollegen, die beraten, was sie zu Hause kochen wollen.

Stunde der Wahrheit

Doch keineswegs ist der Abstieg eine banale Sache. Etwas liegt in der Luft, und zwar nicht nur der Geruch von Schweiss, Rauch und Bier. Irgendwie hat der Wald eine magische Wirkung auf jene Menschen, die sich vor aller Augen in Tiere verwandeln. Aus einer der unbeleuchteten Abkürzungen, die durch den Wald führen, ist Affengeschrei zu hören. Auf einem Baumstrunk sitzt ein Mann mit einem listigen Blick wie Gollum aus «Herr der Ringe» und heult dabei wie ein Wolf. Ein anderer Mann versucht auf allen vieren seinem Kollegen Steine in ein Hosenbein zu stopfen.

Die Abkürzungen, wo sich schon Personen verletzt haben sollen, werden von denen gemieden, die in Gespräche vertieft sind. An der Mittelstation fährt die Gurtenbahn vorbei. Die Scheiben sind beschlagen, drinnen läuft Schlager. Niemand bereut es, nicht mitzufahren. Der Abstieg ist perfekt, um das Erlebte zu rekapitulieren oder über das Leben nachzudenken. «Du warst vorhin sauer auf mich, oder?» «Ich bereue manchmal, dass ich die Berufsmittelschule nicht gemacht habe.» Die Wahrheit kommt ans schummrige Licht der Laternen in den Kurven.

Eine Gruppe macht eine Pause und winkt den Weiterlaufenden nach: «Tschü-hüüss, gute Nacht!» Zu Hause werden sie vielleicht erzählen, wie sie zu den alten Liedern der Berner Rapcrew Chlyklass alles gaben, ob Giorgo Moroder, Vater der Discomusik, den Erwartungen gerecht wurde oder welche Geheimtipps und Flirts sie in der Bamboo-Bar entdeckten.

DerBund.ch/Newsnet tickerte live von allen vier Festivaltagen. Lesen Sie nach, was am Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntagauf dem Gurten abging.

Der Bund

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