Knatsch unter den Tierschutzaktivisten entbrannt

Statt heute gemeinsam gegen Schlachthöfe zu demonstrieren, streiten sich die Tierschützer. Eine Organisation wurde von der Demoteilnahme ausgeschlossen.

Schon letztes Jahr sind Tierrechtler durch Berns Strassen gezogen. Dieses Jahr hat der Verein gegen Tierfabriken ein Marschverbot erhalten.

Schon letztes Jahr sind Tierrechtler durch Berns Strassen gezogen. Dieses Jahr hat der Verein gegen Tierfabriken ein Marschverbot erhalten.

(Bild: Keystone)

Sophie Reinhardt@sophiereinhardt

Bis zu 1000 Tieraktivisten werden heute Nachmittag an einer Demonstration gegen Schlachthäuser erwartet. Aufgerufen zur Manifestation auf dem Waisenhausplatz hat die Organisation Tier-im-Fokus.ch (TIF). Kurz vor der Veranstaltung wurde nun der Verein gegen Tierfabriken (VGT) von der Teilnahme an der Demonstration ausgeschlossen. Wegen Vorbehalte und Verunsicherungen seitens TIF wegen Äusserungen des VGT-Präsidenten Erwin Kessler, sei sein Verein nun nicht mehr willkommen: «Nach Recherchen und Diskussionen haben wir den Entschluss gefasst, auf unabsehbare Zeit nicht mehr mit dem VGT zusammenzuarbeiten», so TIF-Präsident Tobias Sennhauser über den Entscheid.

Kessler habe etwa den Tierschutzanwalt Antoine Goetschel im VGT-Vereinsblatt als «verdeckter Jude» bezeichnet, der «jüdische Schächtpropaganda» verbreite. Sennhauser sagt weiter, es befremde ihn, dass sich Kessler öffentlich etwa über den Tod von Fischern freue, die verunglückt oder ertrunken seien.

«Verleumdungskampagne»

An einem eigens einberufenen runden Tisch konnten sich Vertreter der Tierschutzorganisationen nicht einigen, im Gegenteil: «Kessler hat uns schlussendlich mit seinem Anwalt gedroht», so Sennhauser. Solange Kessler nicht bereit sei, seine Aussagen zu überdenken, wolle man nicht mehr mit seinem Tierschutzverein zusammenarbeiten, sagte Sennhauser. Dagegen glaubt Kessler an eine «Verleumdungskampagne», die gegen ihn laufe. «Wer behauptet, ich hätte rassistische Aussagen verbreitet, der hat mich entweder missverstanden oder meine Aussagen gröblich verdreht.»

Der über 70-jährige Kessler gibt zwar zu, zahlreiche provokante Aussagen formuliert zu haben. «Was mir von gewissen Kreisen als antisemitisch angelastet wird, war aber immer nur Kritik am Schächten.» Die von den TIF-Leuten als fremdenfeindlich kritisierten Aussagen seien zudem aus dem Zusammenhang gerissen worden, sagt er. Kessler wurde bereits in den 90er-Jahren wegen Rassendiskriminierung verurteilt.

Anwalt eingeschaltet

Die jetzt geäusserten Vorwürfe lassen ihn nicht kalt: «Ich gehe nun gegen mehrere Personen rechtlich wegen Verleumdung vor», kündet Kessler an. Sein Rechtsanwalt sei eingeschaltet worden. Es ginge ihm nicht um seinen Ruf, sondern um den seines Vereins, der 35'000 Mitglieder zählt. Zudem glaubt er, dass es sich um einen ideologischen Zwist handelt: «Jeder, der nicht mit der linksextremen Ideologie dieser Tierrechtler einig geht, wird bekämpft», glaubt der Tierrechtsaktivist.

Zerwürfnis in der Tierrechtler-Szene

Der Streit gibt in der Tierrechtsszene zu reden. So ist unter der Stellungnahme von TIF auf dem sozialen Netzwerk ­Facebook eine Diskussion über den Zwist entbrannt. «Ich finde, die Energie sollte wieder in die eigentliche Sache fliessen», schreibt eine Demoteilnehmerin. Eine weitere Aktivistin meint: «Es ist einfach sehr schade und traurig, dass sich Gleichgesinnte so in die Haare geraten. Am Ende schadet es nur, und das ­Engagement wirkt unglaubwürdig.» Dem stimmt auch Tierrechtsaktivist Kessler zu, trotzdem sieht er keinen Grund, wieder mit Sennhauser zu kooperieren.

Der Bund

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