Knackpunkt Altstadtgasse

Bei der kommenden Abstimmung zum Tramprojekt Bern–Ostermundigen gibt vor allem die Platzsituation in der Berner Innenstadt zu reden.

Eng und gefährlich? Besonders die geplante Tramlinienführung durch die Altstadt bewegt die Gemüter.

Eng und gefährlich? Besonders die geplante Tramlinienführung durch die Altstadt bewegt die Gemüter.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Christian Zellweger@@chzellweger

Soll nun doch ein Tram nach Ostermundigen gebaut werden – und unbedingt durch die Berner Altstadt? Am 26. November stimmt die Stadt Bern über das Projekt ab, mit dem zumindest die Hälfte des 2014 in den Agglomerationsgemeinden Köniz und Ostermundigen abgelehnten Projekts «Tram Region Bern» verwirklicht würde. Die Stadt sagte damals relativ deutlich Ja zum Tram. Dennoch sind die Meinungen auch vor dieser Abstimmung geteilt – wie auch die angeregte Debatte auf der «Bund»-Online-Diskussionsplattform Stadtgespräch zeigt.

Dabei sind keineswegs alle Skeptiker Gegner eines Trams. Viele gehen jedoch mit Leser Heinrich Kipfer einig, auch wenn sie es nicht ganz so harsch formulieren wie dieser: Eine weitere Tramlinie durch die Altstadt zu führen, sei ein «Widersinn», so Kipfer. Auch der ehemalige Berner Denkmalpfleger Bernhard Furrer findet, die Innenstadt habe «die Grenze der Belastbarkeit mit Tram und Bus erreicht oder überschritten». Mit einer weiteren Linie durch die Altstadt werde das bestehende Berner ÖV-System «zementiert» und in Bereichen wie der Innenstadt «wesentlich verschlechtert». Auch Leser Andreas Stalder ist gegen «eine weitere Linie in der Innenstadt, die sich am Zytglogge mit 5 weiteren Linien umschlingt».

Mehr Tangentiallinien

Die Gegner des Projekts sind mit Alternativen zur Stelle: Es «muss grundsätzlich überlegt werden, wie ein zukunftsorientiertes Verkehrssystem aussehen soll», so Furrer. Sein Vorschlag: ein System mit «Subzentren» und mehr Tangentiallinien, welche nicht über den Bahnhof führen. Eine weitere Idee: Die Buslinie 20 über den Nordring ins Wankdorf könnte durch eine Tramlinie ersetzt werden. Damit würde es auch unnötig, die Bäume, etwa an der Viktoriastrasse, zu fällen. Und sowieso: «Die S-Bahn nach Ostermundigen wird ausgebaut. Wenn das Tram fertig gebaut ist, wird es nicht mehr gebraucht werden, weil die Pendler von Ostermundigen mit der S-Bahn nach Bern fahren», wie etwa die grünalternative Grossrätin Simone Machado schreibt. Die Politikerin gehört zu den Tram-Gegnerinnen mit grundsätzlichen Bedenken: «Das Tram ist ein veraltetes Relikt aus dem letzten Jahrhundert, es war revolutionär, als die Strassen noch gepflastert waren», schreibt sie. Busse seien die besseren Trams, weil sie flexibler seien.

Für die Befürworter hingegen ist klar: Es braucht das Tram, und es soll auf der geplanten Strecke verkehren. Die Linienführung, wie sie das Projekt vorsieht, ist für sie keine Schwachstelle, im Gegenteil: Die Strecke sei vom Projekt «Tram Region Bern» abgeleitet und deshalb vielfach geprüft worden, schreibt etwa Rudolf Mahler. «Die gewählte Linienführung wurde aus vielen Varianten als die beste auserkoren, Ingenieure und Fachleute aus verschiedenen Gebieten haben zusammen diese Bestlösung erarbeitet.»

Auch das Verkehrsmittel selbst steht für die Befürworter nicht zur Diskussion: «Es ist enorm ineffizient, mit Dutzenden Bussen zwischen Ostermundigen und Bern hin und her zu gondeln», so Urs Mühlenmann. Tobias Feller hat Einwände gegen den Bus. Er hat, wie er schreibt, Erfahrung mit den längeren Luzerner Trolleybussen, welche Tramgegner in Bern gerne anstelle des Trams im Einsatz sähen. Diese Busse seien mindestens so abhängig von der Verkehrslage zu Stosszeiten wie kürzere Busse, behinderten durch ihre Länge dann aber auch zu entspannteren Zeiten den Verkehr mehr als normale Busse, so Feller.

Aufgewertete Quartiere

Und schliesslich zählen für die Befürworterinnen und Befürworter auch die Erfahrungen mit dem Tram nach Bümpliz zu den Pro-Argumenten. Er wohne in Bümpliz, schreibt etwa Leser Urs Mühlemann im Stadtgespräch. Seit dem Tram habe es massiv weniger Verkehr, und das «anrüchige Quartier» habe eine eindrückliche Aufwertung erfahren. Zudem sei der Fahrplan im Vergleich zum Bus viel stabiler, und die Fahrt sei angenehmer.

Daneben machen Leser und Leserinnen im Stadtgespräch auch Vorschläge, welche als «Visionen» bezeichnet werden dürfen: «Warum nicht in den Untergrund? Oder ein ‹Sky Train› mit Anschlussknoten für die Innenstadt?» lauten etwa die Vorschläge von Beat A. Klein. Es mache sich niemand «einen Gedanken über den Nasenspitz hinaus», findet Yves Robert. Ihm selbst kann dieser Vorwurf tatsächlich kaum gemacht werden: Robert schwebt nämlich zwischen Hirschengraben und Zytglogge anstelle eines Trams ein Rollband vor – ähnlich denen, die an Flughäfen zum Einsatz kommen: «Das wäre mal etwas echt Neues und vor allem Fussgängerfreundliches!»

Und was meinen Sie, liebe Leserin, lieber Leser? Diskutieren Sie weiter mit uns im «Bund»-Stadtgespräch: stadtgespraech.derbund.ch

Der Bund

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