«Kirchenglocken sind weniger störend als Bassgewummer»

Auf der Plattform «Stadtgespräch» wird lebhaft diskutiert, wo die Tradition aufhört und der Lärm anfängt.

Die Abschaffung des nächtlichen Glockenschlags spaltete die Anwohner: Die Friedenskirchenglocken im Berner Mattenhofquartier bimmeln seit Anfang August nur noch bis 22 Uhr.

Die Abschaffung des nächtlichen Glockenschlags spaltete die Anwohner: Die Friedenskirchenglocken im Berner Mattenhofquartier bimmeln seit Anfang August nur noch bis 22 Uhr.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Die Meinungen darüber, ob Kirchenglocken nachts läuten sollen, gehen weit auseinander. Kürzlich musste sich wegen anhaltender Beschwerden die Friedenskirche geschlagen geben und das nächtliche Geläut einstellen. Auch Justiz und Behörden sind sich nicht einig. Nach Messungen empfahl das Amt für Umweltschutz, dass eine Beschränkung des Glockenschlags der Pauluskirche in der Länggasse in Erwägung zu ziehen sei. Daraufhin hat diese ihre nächtlichen Glockenschäge eingestellt. Das Bundesgericht entschied hingegen in einem anderen Fall, dass Tradition dem subjektiven Lärmempfinden vorzuziehen sei.

Doch wo liegen die Grenzen zwischen subjektivem Lärmempfinden und ernst zu nehmenden gesundheitlichen Einschränkungen? Im «Stadtgespräch» haben Leserinnen und Leser darüber diskutiert, warum sie den nächtlichen Glockenschlag vermissen – oder warum sie die Entscheidung, den nächtlichen Glockenschlag einzustellen, gutheissen.

Viele Leser sind sich darüber einig, dass das Läuten vom Einschlafen abhalte. Für sie ist das nächtliche Geläut ein Graus, «der Lärm macht krank», meint eine im Mattenhof wohnhafte Leserin. «Wer will jede Viertelstunde daran erinnert werden, wie spät es ist?», fragt eine Anwohnerin aus dem Breitsch. Kirchenglocken hätten der Zeitangabe gedient, was heute niemand mehr brauche und was mehr Leid als Segen verursache.

«Heimelig und beruhigend»

«Stadtgespräch»-Teilnehmerin Irène Frei wohnt nach eigenen Angaben schon lange im Mattenhof und findet das Geläut heimelig. Auch Leserin Jasmin Burgermeister findet Kirchenglocken beruhigend: «Das Kirchengeläut passt zur Altstadt.»

Leser Manuel Peter wohnt in der Altstadt und begrüsst das Verstummen der Kirchenglocken in den Quartieren: «Das würde ich mir auch für den Zytglogge-Turm wünschen.» Die eng beieinander stehenden Häuser kanalisierten den Lärm und machten ihn noch schwerer zu ertragen. Die Kommentare im «Stadtgespräch» zeigen, dass oft jene Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die das Kirchengeläut gutheissen, Verkehr und Partygänger als weitaus störender wahrnehmen. «Für mich als langjährige Stadtbewohnerin war dieser Sommer richtig mühsam, es gab kaum eine Nacht ohne Bassgewummer und stockbesoffen heimkehrende Partygänger», sagt Leserin Susanne Innler. Die Stimmung sei oft gereizt und negativ geladen gewesen. Ein paar Kirchenglocken seien definitiv friedlicher und weniger störend.

Die Musik und die Stimmen kündeten vom Leben, heisst es wiederum in einem weiteren Beitrag – Kirchengeläut sei aber nichts, was das Städtische notwendigerweise mit sich bringe. Einige sind schlicht der Ansicht, weder das eine noch das andere habe in der Stadt etwas verloren. Schliesslich sei die Stadt zum Wohnen gemacht, entsprechend müsse man auf die Anwohner Rücksicht nehmen. Aber ist Lärm nicht gerade das, was eine Stadt ausmacht? So zumindest sieht es Leser Peter Barth: «Letztendlich ist der Lärm pulsierende Lebendigkeit, gemacht von Menschen.»

Kirchengeläut, Musik im Park oder Konzerte im Quartier: Lärm ist, was stört. Weil das vom Einzelnen abhängt, ist es – trotz Gesetzen – gar nicht so einfach, Grenzen zu definieren: Was gehört zur städtischen Geräuschkulisse und was ist Lärm, der nicht mehr tolerierbar ist? Wann genau beginnt das Recht auf Ruhe? Sagen Sie uns: Wieviel Lärm gehört Ihrer Meinung zur Stadt? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch».

Der Bund

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