Kindergarten-Engpass verschärft sich

1057 Buben und Mädchen erlebten am Montag in Bern ihren ersten Kindergartentag. 35 davon besuchen fortan wegen Schulraummangels das Provisorium im Marzilibad. Die Stadt rüstet sich bereits für die nächste Welle.

Ein Kindergarten mitten im Marzilibad: Das Provisorium im 1. Stock könnte wegen Platznot bis 2019 dauern.

Ein Kindergarten mitten im Marzilibad: Das Provisorium im 1. Stock könnte wegen Platznot bis 2019 dauern.

(Bild: Valérie Chételat)

Adrian Müller@mueller_adrian

Kindergärtler erobern das Marzilibad: Seit Montagdient die umgebaute Wohnung neben der Dampfzentrale als Kindergarten-Provisorium. Zwei Klassen werden abwechslungsweise im ersten Stock unterrichtet – oder auf der umzäunten Liegewiese. Und zwar womöglich über mehrere Jahre hinweg: «Es ist vorgesehen, das Provisorium im Marzili­bad bis 2019 zu nutzen», sagt Jennifer Luginbühl von Hochbau Stadt Bern. Dann könne der Kindergarten in den Erweiterungsbau der Volksschule Marzili umziehen. Gemeinderätin Franziska Teuscher (GB) ist in erster Linie froh, dass trotz akuten Schulraummangels für alle Kindergärtler «für diesen wichtigen Moment im Leben eines Kindes innert nützlicher Frist eine gute Lösung gefunden worden ist».

Noch im April hatten die Behörden mittels eines Elternbriefs nach Räumlichkeiten für fünf Kindergartenklassen im Schulkreis Mattenhof-Weissenbühl gesucht. Für Teuscher ist noch nicht definitiv, dass das Marzili-Provisorium fünf Jahre lang benutzt werden wird: Der Standort und die Räumlichkeiten müssten sich erst für den Unterricht bewähren. Dann entscheide man über die weitere Nutzung des Gebäudes.

Nächster Engpass im Kirchenfeld

An solche «Feuerwehrübungen» wie im Marzili müssen sich die Berner Eltern wohl gewöhnen: Im Schulkreis Kirchenfeld-Schosshalde etwa zeichnet sich für das Schuljahr 2015/16 bereits der nächste Engpass ab: «Gemäss Prognose ist mit ­einer starken Zunahme bei den Kindergärtlern zu rechnen. Wir prüfen derzeit alle Optionen, wo wir die Kinder unterbringen könnten», erklärt Teuscher. Bern sei eine wachsende Stadt mit steigenden Schülerzahlen, da sei ein «gewisser Grad an Improvisation» nötig. Die Stadt könne nicht Schulraum auf Vorrat bauen. Dank den für 1,3 Millionen Franken beschafften mobilen Modulbauten könne man künftig auf den Bedarf an Schulräumen flexibler reagieren.

Das Schulamt verschätzte sich im Mattenhof-Weissenbühl bei der Planung gleich um fünf Klassen. Damit es nicht wieder eine solche Überraschung für die Behörden gibt, soll die Zahl der einzuschulenden Mädchen und Buben bereits im Dezember und nicht erst im Februar erhoben werden.

Am Montag haben in Bern total 1057 Kinder ihr erstes Jahr im Kindergarten ­begonnen – 35 davon im Marzili.

Viel Arbeit für Provisorium

Neuer Maschendrahtzaun auf der Badi-­Liegewiese, herausgerissene Wände: Mit grossem Aufwand haben der Hauswart und die verantwortlichen Kindergärtnerinnen die frühere Wohnung in einen ­einigermassen tauglichen Kindergarten umgebaut. «Für ein Jahr als Provisorium taugt die aktuelle Lösung. Falls es länger dauert, sind weitere Anpassungen nötig», sagt Franziska Fiechter, Schulleiterin Marzili/Sulgenbach. Momentan steht für die Mädchen und Buben nur eine Toilette zur Verfügung. Dies genüge längerfristig den Anforderungen nicht. Zudem sei es derzeit wegen der beengten Platzverhältnisse nicht möglich, dass eine grössere Klasse in einem Kreis sitzen könne. Ein Pluspunkt sei hingegen die Wiese: «Ob und wie das Marzilibad in den Unterricht eingebaut wird, ist den Kindergärtnerinnen überlassen», sagt Fiechter. Die Kinder in den Marzili-­Kindergärten werden auf unkonventionelle Art und Weise unterrichtet. Die Sprösslinge treffen sich jeweils zuerst morgens im bestehenden Kindergarten Marzili. Dann werden die Kinder in zwei Gruppen aufgeteilt, ein Teil zügelt darauf zusammen mit der Kindergärtnerin in das Marzili-Provisorium.

Eltern haben sich beruhigt

Die Eltern und Kinder wurden gestern Nachmittag über die Abläufe informiert. Heute Abend findet im Kindergarten-­Provisorium bereits der erste Elternabend statt. «Es tönt schon etwas nach einem Experimental-Kindergarten, aber wir hatten einen guten Eindruck», sagt Bruno Rufibach, Vater einer Marzili-Kindergärtlerin und designierter Präsident des Elternrates Marzili-Sulgenbach. Befürchtungen, dass sich vertraute Kinder durch die Gruppen auseinandergerissen würden, hält Rufibach für verfrüht. «Wir sind gespannt, wie sich die neue Struktur auf die Kinder auswirkt.»

Der Bund

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