Kiloweise Zucchettichutney

Gärtnern liegt im Trend – das ist noch lange kein Grund, es deshalb nicht selbst zu tun.

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Hanna Jordi

Dark Purple Beefsteak, Zlatni Medal, Ace 55 und Dix Doigts de Naples. Eingeweihte haben es vielleicht bereits erkannt: Auch wenn es stark nach dem Programm des diesjährigen Gurtenfestivals klingt, handelt es sich hier nicht um Unterhaltungsmusiker mit einem frivolen Verhältnis zum Sprachwitz, sondern um Tomatensorten, von rund und violett bis hin zu langgezogen und dunkelorange.

Gewächsen wie ihnen begegnet man derzeit auf Wochenmärkten und im Gartencenter, bereit, in Balkontöpfe und frisch gemachte Beete gepflanzt zu werden. «Gardening is the new Sex» titelte das britische Magazin «Tatler» schon vor geraumer Zeit, und wenn man sich die florierenden Urban-Gardening-Zonen und die frisch bepflanzten Beete in den Quartiergärten ansieht, dann glaubt man gern, dass die Losung auch hierzulande längst verfangen hat (wobei natürlich zu hoffen ist, dass dem «alten» Sex in der Zwischenzeit nichts Schlimmes zustösst). Bei aller Vorsicht, mit der man als abgeklärter Zeitgenosse Trends begegnen sollte – gute Gründe, sich dem Gärtnern zu versperren, gibt es nicht. Denn:

1. Gärtnern bringt die Vorfreude zurück: Gärtnerinnen und Gärtner wissen, dass sich Geduld lohnt. Einen grossen Teil ihrer Zeit verbringen sie mit Warten. Wer dem Klimawandel nicht vertraut, wartet die Eisheiligen ab, bevor er kälteempfindliche Gewächse ins Freie pflanzt.

Dieses Wochenende ist es so weit. Das Warten hat damit aber noch lange kein Ende. Später gilt es, die Reifezeit der Erdbeeren abzuwarten und den rechten Zeitpunkt, um den Salat zu schneiden. Wer sich nicht geduldet, wird bestraft: mit erfrorenem Gemüse oder unreifen Früchten. Und das kann niemand ernsthaft gut finden.

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2. Gärtnern schweisst zusammen: Vorbei ist die Zeit, als auf dem Fensterbrett der WG-Küche maximal ein einzelner schwindsüchtiger Basilikum stand, vertrocknet oder ersoffen, und wenn Letzteres, dann vermutlich in seinen eigenen Tränen, denn gegossen hat ihn nie irgendeiner. Nein, heute verabredet die moderne Wohngemeinschaft bereits früh im Jahr die wichtigen Termine im Gartenkalender.

Zum Beispiel den Tag, an dem die Erde mit Mulch fruchtbar gemacht wird, oder den Tag, an dem die Thujahecke des Nachbarn nach mehr­maliger Aufforderung vom fröhlich wuchernden WG-Kürbis befreit wird. Das trieft vor Qualitätszeit. Und wer sich im Familienverbund bewegt, hat nicht nur Qualitätszeit, sondern obendrein auch noch billige Arbeitskräfte: Kleine Kinderhände sind viel besser geeignet, Johannisbeeren von den Rispen zu trennen, als klobige Erwachsenenhände.

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3. Gärtnern kurbelt die Wirtschaft an: Tomatensetzlinge, Balkonkästen, Rankhilfen, sogar lebende Marienkäferlarven für Menschen, die ihren Läusen lieber ohne Gift zu Leibe rücken wollen, lassen sich erstehen. Diese und andere Gartenutensilien sorgen laut dem Gartenbauverband Jardin Suisse für eine Bruttowertschöpfung von jährlich rund zwei Milliarden Franken, Tendenz steigend.

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4. Gärtnern sorgt für farbige Quartiere: Vorbei sind die Zeiten, als der Garten neben einer Rasen- auch eine Kiesfläche umfassen musste, wollte man nicht als Anarchist und Hallodri gelten, dem aber auch gar nichts heilig ist.

Heute gilt: je mehr Beete, desto besser, je wilder, desto lustiger. Und das Beste daran ist: Am neu erwachten Gemüsegärtnertum kann nicht nur mittun, wer wirklich über einen Garten verfügt. Was da mittels komplizierter Konstruktionen an Ackerfläche an ein Balkongeländer gepfropft werden kann, ist schon beachtlich.

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5. Gärtnern bringt Freude in die Küche: Auf die Gefahr hin, dass es jetzt kitschig wird, soll hier doch noch angemerkt werden, dass eine frisch gepflückte, sonnenwarme Tomate aus eigener Pflanzung zuverlässig für erstaunliche Glücksgefühle sorgt. In der Regel deckt ein Balkonertrag ziemlich genau den Bedarf des Haushalts.

Einzig die fruchtfreudige Zucchetti bringt die Balance zwischen Angebot und Nachfrage aus dem Lot. Zum Glück ohne grosse Folgen für die Gärtnerinnen und Gärtner. Sollen doch die Verwandten schauen, was sie mit dem kiloweise eingekochten süss­sauren Zucchettichutney anstellen wollen, das sie jetzt jedes Jahr zu Weihnachten kriegen.

Hanna Jordi leitet das Onlineressort des «Bund». Ihr favorisierter Eisheiliger ist Servatius, der 384 nach Christus mit einem Holzschuh erschlagen worden sein soll. Er gilt als Schutzheiliger bei Frostschäden, Rattenplagen und Fusskrankheiten.

www.derpoller.derbund.ch

Der Bund

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