Kiffen, amtlich bewilligt

Im Rahmen eines Pilotversuchs sollen ausgewählte Apotheken Cannabis an ausgewählte Leute verkaufen dürfen.

Geht es nach Gemeinderätin Franziska Teuscher, gibt es bald mehrere Hundert Bernerinnen und Berner, die sich legal einen Joint drehen dürfen.

Geht es nach Gemeinderätin Franziska Teuscher, gibt es bald mehrere Hundert Bernerinnen und Berner, die sich legal einen Joint drehen dürfen. Bild: Michael Schneeberger

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Noch in diesem Jahr will die Stadt Bern beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) ihr Gesuch für einen Pilotversuch zur Cannabisregulierung einreichen. Sofern das BAG dieses zügig bewilligt, dürfte der Versuch im kommenden Jahr beginnen.

Noch vor einem Monat war offen, ob der Bund eine solche Studie überhaupt bewilligen kann. Ein Rechtsgutachten, das die Stadt Bern hat erstellen lassen, kommt nun aber zum Schluss, dass der städtische Pilotversuch bewilligungsfähig ist.

«Chnübi» aus der Apotheke

Am Montag stellten die Gemeinderätin Franziska Teuscher (GB) und der Direktort des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern, Matthias Egger, die Pläne für den Pilotversuch vor. Anders als in Genf, das mit sogenannten Social-Clubs arbeiten will, sollen die Kiffer in Bern ihren Stoff in der Apotheke kaufen können.

Dies gilt aber nicht für alle, die plötzlich Lust auf einen Joint haben. Wer während des dreissig Monate dauernden Pilotversuchs legal Cannabis kaufen will, muss an der wissenschaftlichen Studie des ISPM und an einer präventiven Intervention teilnehmen.

«Die Leute müssen dabei viel von sich preisgeben», sagt Teuscher. Sie fürchtet deswegen sogar, dass sich zu wenig Studienteilnehmer und -teilnehmerinnen melden könnten.

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Die Stadt Bern sucht 1000 Versuchspersonen, die an einem Versuch für straffreien Cannabiskonsum mitmachen. Wäre das etwas für Sie?






Denn Egger hofft auf rund 1000 Probanden. Dies wäre etwa ein Viertel aller Berner Kiffer und Kifferinnen. Denn in der Stadt Bern konsumieren schätzungsweise 4000 Personen regelmässig Cannabis.

Bei der Studie kann mitmachen, wer volljährig ist, keine Medikamente nimmt und nicht in psychiatrischer Behandlung ist. Frauen dürfen nicht schwanger sein. Wer diese Kriterien erfüllt und bereits regelmässig Joints raucht, kann sich via Online-Formular anmelden.

Er wird einen Ausweis als Studienteilnehmer erhalten. So könnte er sich bei einer allfälligen Kontrolle gegenüber der Polizei ausweisen.

Allerdings dürfen auch die Studienteilnehmerinnen ihren Joint nicht öffentlich rauchen, wie Teuscher sagt. «Das muss in privaten Räumen stattfinden.» Denn gemäss dem Betäubungsmittelgesetz ist zwar der Besitz einer geringfügigen Menge Cannabis bis zehn Gramm straffrei, nicht aber der Konsum.

Zusammenarbeit mit Polizei

In Interviews mit den Teilnehmern wollen die Wissenschaftler herausfinden, wie sich deren Verhalten in Bezug auf Cannabis verändert. Also ob sie mehr oder weniger kiffen, wenn sie beim Präventionsprogramm mitmachen.

Die Wissenschaftler werden zusammen mit der Polizei die Entwicklungen auf dem Schwarzmarkt analysieren und untersuchen, welche Auswirkungen der kontrollierte Cannabisverkauf auf Notfälle und Spitaleinweisungen hat, die mit Cannabiskonsum im Zusammenhang stehen.

Jugendliche ausgeschlossen

Kantonspolitiker, die sich beruflich mit dem Thema Drogen auseinandersetzen, reagieren unterschiedlich auf die Pläne des Berner Gemeinderats. «Wir sind dringend auf Forschung angewiesen, die uns neue Wege in der Cannabis-Politik aufzeigt», sagt die GLP-Grossrätin Barbara Mühlheim.

Sie ist Geschäftsführerin des Heroinabgabeprogramms Koda in Bern. Nach der Heroinabgabe sei es wichtig, auch Cannabis in einen kontrollierten Markt zu bringen, sagt sie. Die Kosten für die Kriminalitätsbekämpfung seien viel zu hoch. Ausserdem sei diese nicht wirksam.

Dem Versuch kritisch gegenüber steht der EVP-Grossrat Ruedi Löffel. Auch er ist ein Fachmann. Er ist Geschäftsführer der Fachstelle Suchtprävention des Blauen Kreuzes. «Viele Konsumenten beginnen zu kiffen, bevor sie 18 Jahre alt sind», sagt er.

Aber gerade diese schliesse die Studie aus. Dadurch würden sie umso eher in den Schwarzmarkt gedrängt. Dort würden sie jedoch Cannabis mit einem höheren THC-Gehalt bekommen und seien so einem höheren Risiko ausgesetzt.

Für Löffel wäre daher die wichtigste Frage für die Studie, wie sich bei Jugendlichen der Einstieg in den Cannabiskonsum hinauszögern liesse.

Was aber sagen die Betroffenen dazu? Eine Berner Kifferin, die anonym bleiben will, ist nicht abgeneigt, bei der Studie mitzumachen, sofern ihre Anonymität gegenüber dem Umfeld gewährleistet bleibt.

Sie raucht «höchstens eine Tüte pro Tag». Die 15 Gramm Cannabis, die sie pro Monat beziehen könnte, würden für sie gerade reichen. «Für einen Hardcore-Kiffer wäre es aber zu wenig.» (Der Bund)

Erstellt: 14.03.2016, 13:31 Uhr

Cannabis-Studie

Als Humanforschung deklariert

Damit die Stadt Bern den Pilotversuch zur Cannabisregulierung durchführen kann, muss er ein wissenschaftliches Experiment sein und als solches ausgewertet werden. Denn nur zu wissenschaftlichen Zwecken erlaube das Betäubungsmittelgesetz Ausnahmebewilligungen für «den Anbau, die Einfuhr, die Herstellung und das Inverkehrbringen von Cannabis», sagt die Fürsprecherin Franziska Slongo, die das Gutachten für die Stadt erstellt hat.

Eine solche Ausnahme sei auch möglich, wenn es nicht eine medizinische, sondern eine sozialwissenschaftliche Studie sei. Deshalb will das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Bern den Pilotversuch durchführen. Der Direktor des Instituts hofft, dass sich sowohl der Schweizerische Nationalfonds als auch das Bundesamt für Gesundheit an den Kosten beteiligt.

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