Keller mit Meersicht

Im Seemanns-Club gibt es neben Bier und Zvieri auch waschechtes Seemannsgarn. Im Clubhaus der Schweizer Seefahrer ist vom «Clochard bis zum alten Geldadel» jeder willkommen.

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Wer die unauffällige Türe zum Seemanns-Club aufstösst und die Treppenstufen im engen Zwischengang hinuntersteigt, der wähnt sich im Bauch eines Hochseedampfers. Der Geruch von Diesel liegt in der Luft, das Licht ist schummrig, aus der angejahrten Musikanlage singt Ronny Jäger: «Auf einem Seemannsgrab, da blühen keine Rosen». An den Wänden des engen Gewölbekellers hängen Erinnerungsstücke der Clubmitglieder: eine rostige Machete aus Kuba, alte Postkarten aus Burma und Afrika; in einer kleinen Vitrine steht ein mit Schnitzereien verzierter Zahn eines Seelöwen.

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Auf dem langen Holztisch unmittelbar vor der kleinen Bartheke stehen zwei Schildchen mit der Aufschrift «Reserviert»: der Stammtisch des Clublokals. Dort setzen sich die Seemannen reihum auf die einfachen Holzbänke und erzählen sich Geschichten aus ihrer Aktivzeit. «Es sind ja eigentlich immer dieselben Geschichten», sagt Franz Siffert, Barchef des Vereins, «aber jeder erzählt sie wieder etwas ­anders.»

Etwas weiter hinten im Clubkeller stehen leicht erhöht Tische und Bänke für mehr Gäste. Nicht nur Seefahrer kommen in den Seemanns-Club. «Wir hatten hier schon allerlei Besuch. Von altem Berner Adel bis zum Clochard», sagt Siffert. Dennoch gebe es nie ­Probleme.

Herz des Seemannsclubs: Franz Siffert.

Gegen acht Uhr abends füllt sich der Stammtisch. Aus der Musikanlage dröhnt nun «Sierra Madre». Siffert setzt sich auf die wackelige Holzbank und trinkt ein Gläschen Zacapa-Rum: «ein guter Rum, kein Fusel». Mit 20 Jahren kam Siffert zur Seefahrt, nachdem er die Ausbildung zum Maschinenmechaniker und die Rekrutenschule abgeschlossen hatte. Ein Kollege vom ihm sei Seemann gewesen, der habe ihm Ansichtskarten aus der ganzen Welt geschickt: «Das hat mich fasziniert. Ich wollte auch auf Reisen gehen.» Damals sei das aber noch unbezahlbar gewesen. «Für ein Flugticket nach Istanbul von damals kommt man heute einmal um die Welt.»

Er heuerte als Reiniger im Motorraum an und arbeitete sich in den vier Jahren auf See bis zum vierten Maschinenoffizier hoch. «Es war eine schöne Zeit. Aber es gab auch happige Erlebnisse.» Eines ereignete sich im Hafen von Odessa. Ein Kamerad sei nachts auf der Zugangstreppe zum Schiff ausgerutscht. «Er stürzte über zehn Meter hinab in die kalte See und ertrank.» Bis Istanbul musste man den Toten in der Tiefkühltruhe transportieren. Da sei es manch einem etwas mulmig geworden, meint Siffert. Dennoch wolle er die Zeit auf See nicht missen. «Es war eine schöne Zeit», sagt er immer wieder.

«Er stürzte über zehn Meter hinab in die kalte See und ertrank.»Franz Siffert erzählt Seemannsgarn

Die Runde am Stammtisch wird mit fortschreitender Stunde illustrer, das Seemannsgarn wehmütiger, auch die Sitzbänke für Nichtmitglieder sind mittlerweile besetzt. Stephan Zandolini, ein tätowierter Hüne mit grauem Zottelbart und Goldohrring erinnert sich an seine Zeit auf dem Nuklearfrachtschiff Otto Hahn. Kurz vor den karibischen Inseln sah er zum ersten Mal Fliegende Fische. Diese können mittels ihrer flügelähnlichen Flossen mehrere Meter hoch springen und segeln. «Eines Tages wollte es der Zufall, dass Dutzende von ihnen bei uns auf Deck landeten.» Einige seien später zu einem Abendessen verarbeitet worden. «Nicht jedem schmeckte das», meint er und widmet sich wieder seinem Bier.

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