Keine Zeit für so was

Zeit ist ein dehnbarer Begriff. «Poller»-Kolumnistin Hanna Jordi hat sich damit auseinandergesetzt.

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Hanna Jordi

Kennen Sie Momo? Genau, das ist der Lockenkopf aus Michael Endes gleichnamigem Kinderbuchklassiker. Jenes Mädchen, das konfrontiert wird mit den grauen Herren, Abgesandten des Establishments, welche die Menschen dazu bringen wollen, Zeit zu sparen. Um diese Zeit dann in Zigarren gedreht zu rauchen. Die Moral: Gesparte ist gestohlene Zeit, Gehetze eine Teufelei, und wer sich abstrampelt, bestraft sich selber.

Das Buch wurde in den 70ern geschrieben. Ältere Semester mögen sich erinnern: Die 70er, das war kurz nach der Indus­trialisierung und etwas vor der Erfindung von Online-Seitensprungportalen. Da war Zeit noch nicht derart knapp wie heute. Anders ist es nicht zu erklären, dass ich in den 80er-Jahren – epochenmässig eng mit den 70ern verwandt abgesehen vom sprunghaften Anstieg der Atomstromgegner – viel mehr Zeit hatte als heute. Es gab Nachmittage, die dehnten sich gleich geschmeidig eingespeicheltem Kaugummi vom einen Ende der verkehrsberuhigten Quartierstrasse zum anderen. Bis es Zeit zum Essen war, hatte man schon fünfmal Zeit gehabt, aus purer Langeweile einen Streit mit dem Nachbarskind anzuzetteln. Es war paradiesisch.

Ist die Kindheit erst einmal vorüber, wird Zeit zur Verhandlungssache. Wie man sie sich zurückerobert, hat soeben SP-Regierungsrat Philippe Perrenoud vorgemacht. Er wolle mehr Zeit für Familie und Freunde, begründete er den Entscheid, sein Amt aufzugeben. Damit reiht er sich ein in eine Gruppe von Amtsträgern, die der Politik aus Zeitgründen Adieu sagt: Roland Näf, Alt Parteipräsident der Berner SP, Lea Kusano, Ex-SP-Stadträtin, oder weiland der Zürcher SP-Stadtpräsident Elmar «Vom Stapi zum Papi» Ledergerber: Sie alle machten den Momo. Seit das Konzept der Work-Life-Balance in den 90ern aus den USA zu uns kam, dürfen sich auch hiesige Politiker darauf berufen.

Politik ist tatsächlich ein 1A-Zeitvernichter, wie jüngste Erfahrungen zeigen – nicht nur für die Produzenten, sondern auch für die Empfänger. Momo lässt grüssen: Anstelle von Männern in grauen Sakkos ist es in Bern eine pink gewandete Dame in Gefolgschaft einiger Herren, die der Öffentlichkeit die Zeit stehlen. Und zwar mit visionären, also gänzlich unrealisierbaren Vorschlägen zum Städtebau. Der Verein nennt sich Delia und hielt am Montag eine Konferenz im Tierpark ab. Präsentiert wurden diverse Bauwerke, darunter die «DraBoa», der «AareBär» oder die «TaRuga», mitunter 80 Meter hoch. Die Projektskizzen sind abgesegnet von der Marketingfrau Cordelia Hagi, aber auch von städtischen Lohnbezügern wie Gemeinderat Reto Nause oder Tierparkdirektor Bernd Schildger. Im Ernst jetzt? Natürlich nicht. Der Verein wollte wohl lediglich die Debatte um die brachliegende Achse zwischen Tierpark und Botanischem Garten neu lancieren. Aber das mit einer derart ungeraden Strategie, dass man sich fragen musste, woher wohl jene vornehme Herablassung gegenüber der Zeit der Mitmenschen rührt.

Und was treibt Momo um? Momo ist am Schluss die einzige, die die grauen Herren am Vormarsch hindern kann. Sie findet das Depot des Tabaks für die Zeit-Zigarren und verschliesst es, wo­rauf die Graugewandeten zugrunde gehen. Die Menschen erinnern sich wieder an ihr Leben vor dem Stress und freuen sich aneinander. Allerorts spielen fröhliche Kinder in den Strassen. Und das Volk versammelt sich im Amphitheater zum grossen Fest. Das ist dann auch die Stelle, bei der die Bern-Allegorie an ihre Grenzen stösst.

Hanna Jordi ist Leiterin der Online-Redaktion des «Bund». An das Gefühl am ersten Tag der Sommerferien 1992 kann sie sich lebhaft erinnern: So viel Zeit!

Der Bund

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