«Keine Differenzen»: Die Schauspielchefin verteidigt sich

Erstmals meldet sich die abgesetzte Schauspieldirektorin des Berner Stadttheaters zu Wort: Stephanie Gräve wehrt sich gegen die Vorwürfe von Intendant Stephan Märki.

Zeigt sich erstaunt von der inhaltlichen Kritik ihres Chefs Stephan Märki: Schauspielchefin Stephanie Gräve wurde abgesetzt.

Zeigt sich erstaunt von der inhaltlichen Kritik ihres Chefs Stephan Märki: Schauspielchefin Stephanie Gräve wurde abgesetzt. Bild: Manu Friederich

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Letzten Mai war noch Frühling. Auch im Kulturcasino, als das Stadttheater das Programm für die derzeit laufende Saison präsentierte. Die Spielzeit davor sei «gut gelaufen», erklärte Intendant Stephan Märki – und er nannte den «Judas», das Stück, welches das Theater auswärts aufgeführt hatte, in den Kirchen im Kanton. Der «Rücklauf» sei «so positiv» gewesen, dass man die Zusammenarbeit mit den Religionsgemeinschaften erweitert und «zusätzliche solche Projekte» in den Spielplan aufgenommen habe. Auf die Frage von Radio SRF, ob das seinem Haus keinen allzu religiösen Anstrich gebe, entgegnete Märki: «Man erreicht auf diesem Weg ein Publikum, das sonst noch nicht ins Theater geht.» Und er stellte die Beschäftigung mit Fragen des Glaubens und der Religion als ein «grosses Zukunftsthema» dar.

Jetzt, acht Monate später, ist er plötzlich anderer Meinung. Ausgerechnet die Kirchenfrage soll nun einer der Gründe für den Konflikt zwischen ihm und seiner Schauspielleiterin Stephanie Gräve gewesen sein; eine jener ominösen «grundlegenden inhaltlichen und strategischen Differenzen», deretwegen der Stiftungsrat von Konzert Theater Bern (KTB) Gräve vor zwei Wochen fristlos freigestellt hat, und zwar auf Antrag Märkis.

Eine «Summe von Dingen»

Märki jedenfalls stellte es am Freitag so dar, am Rand der Pressekonferenz, an der das Stadttheater das Programm im ­Kubus vorstellte. Er wünsche sich «mehr zeitgenössische Texte» im künftigen Spielplan – und «weniger Kirche». Er bestreitet auf Anfrage nicht, dass er die Projekte mit den Kirchen ins Leben gerufen hat, schon bevor Gräve ihr Amt antrat. Sie habe das Angebot aber in einem Mass vervielfacht, das ihm zu viel war. «Man muss auf Leitungsebene einen Grundkonsens darüber finden, was man im und mit dem Theater möchte.» Dass Gräve selbstständig bedeutende Vereinbarungen mit den Kirchen getroffen habe, habe das erschwert. «Aber zum Entscheid hat eine Summe von Dingen geführt, die ich nicht weiter kommentieren will.»

Tatsächlich hat der Intendant am Rande der Pressekonferenz das Schweigen gebrochen, das der Stiftungsrat nach der Freistellung Gräves ­allen Beteiligten verordnet hatte. Und sie selber? Sie sei freigestellt, aber nicht entlassen und sehe sich darum dem Theater verpflichtet, sagt die abgesetzte Schauspielleiterin auf Anfrage. Zu den Vorwürfen Märkis habe sie sowieso wenig zu sagen: «Ich sehe in dem Bereich keine Differenzen. Die Zusammenarbeit mit den Kirchen ist eine Möglichkeit, das Theater für weitere Kreise zu öffnen. Darüber gab es Konsens.» Die Kritik an diesen Projekten sei neu, sie habe sie erst in diesen Tagen vernommen, nachdem sie bis dahin im Theater positiv registriert worden seien. Dasselbe gelte für den wachsenden Zuspruch aus den Kirchgemeinden. Und die entsprechenden Angebote des Theaters.

«Keine Differenzen» sieht Gräve auch bei den aktuellen Stücken, die Märki in ihren Programmen vermisst. Sie habe ihm für die nächste Saison bereits einen Spielplan vorgelegt, der seinen am Freitag geäusserten Vorstellungen entspreche: mit ­einer «ausgewogenen Mischung» von zeitgenössischen und klassischen Texten, inklusive drei Erstaufführungen und «mehreren risikoreichen Projekten». Dazu gehörten eine Stückentwicklung von Ersan Mondtag, einem der «experimentellsten jungen Regisseure», ein neues Projekt von Milo Rau und eine Arbeit der italienischen Künstlerin Silvia Costa, die überhaupt erstmals für eine deutschsprachige Bühne tätig werden sollte.

Benedikt Weibel, Stiftungsratspräsident des Stadttheaters, wundert sich über die Kirchenfrage: «Das Thema Zusammenarbeit mit den Kirchen hat für den Freistellungsentscheid des Stiftungsrats keine Rolle gespielt.» Er wisse nicht, weshalb Märki dieses Argument nun betone. Weibel bedauert die neueste Entwicklung und ärgert sich. «Für das Image der Institution ist das schlecht.» Das Stadttheater stehe gut da und habe diesen Wirbel nicht verdient.

«Alles versucht»

Über die konkreten Gründe für Gräves Absetzung will sich Weibel gleichwohl nicht weiter äussern. Er verweist weiter auf den Persönlichkeitsschutz. Dennoch ist für Weibel klar: «Wir würden nicht anders handeln als letzte Woche.» Bereits im Vorfeld habe der Stiftungsrat «alles versucht», um diese Situation zu verhindern. (Der Bund)

Erstellt: 06.02.2016, 08:12 Uhr

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