«Kein Mensch muss um drei Uhr früh einkaufen»

Das Schlusswort hat der Stadtpräsident. Bei der 24-Stunden-Gesellschaft gehe es nicht um Betrieb rund um die Uhr, sagt Alexander Tschäppät (SP).

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Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Herr Tschäppät, haben Sie auch schon nach Mitternacht telefonisch eine Pizza bestellt? Nein. Das käme mir auch um 19 Uhr nicht in den Sinn. Eine Pizza muss frisch aus dem Ofen kommen.

Fühlen Sie sich trotzdem als Teil der 24-Stunden-Gesellschaft? Heute brauche ich auch an Wochen­enden keinen Betrieb rund um die Uhr mehr. Früher war das natürlich anders. Als ich jung war, gab es bereits eine Art 24-Stunden-Gesellschaft. Wir waren samstags bis um drei oder vier Uhr morgens in der «Glocke» oder in den damaligen Clubs an der Junkerngasse. Um fünf Uhr ging dann wieder das Bahnhofbuffet auf. Wer «durchmachen» wollte, konnte dies also auch vor 40 Jahren schon tun. Aber das war eher die Ausnahme im Unterschied zu heute.

Gibt es heute mehr Ausgangs­möglichkeiten für junge Leute? Sie haben mehr Geld und daher auch mehr Möglichkeiten im kommerziellen Bereich. Das Nachtleben ist entsprechend teuer. Früher machte man selber Aare- oder Waldfeste und trank um 20 oder 21 Uhr sein erstes Bier. «Vorglühen» mit hartem Alkohol gab es nicht.

Viele Jugendliche hängen aber auf der Grossen Schanze, vor dem Bahnhof oder auf der Bundes­terrasse herum, weil sie sich den Ausgang nicht leisten können. Das ist in der Tat ein Problem. Wo sollen heute Jugendliche unter 20 Jahren hin? Ihnen ist die Aarbergergasse zu teuer, oder sie sind zu jung für die Clubs. Sie landen auf dem Vorplatz der Reitschule oder an den von Ihnen erwähnten Orten. Der Raum wird da aber enger: Die Münsterplattform wurde vor Jahren in der Nacht geschlossen und bezüglich der Bundesterrasse steigt der Druck, Einschränkungen vorzunehmen.

Braucht es daher nicht nur Repression, sondern auch neue Angebote wie den Jugendclub an der Nägeligasse, den die Stadt initiieren will? Repression ist meiner Ansicht nach nur dort sinnvoll, wo es für Jugendliche gefährlich wird – zum Beispiel wenn es um Jugendschutz geht. Es braucht primär mehr Angebote wie den Club in der ­Nägeligasse oder die Öffnung der Turnhallen abends.

Wird die Nägeligasse ein Erfolg? Auf jeden Fall. Damit wird das Mengenproblem aber nicht gelöst. Die Jugendlichen in Bolligen machen heute nicht mehr Disco im Kirchgemeindehaus wie vor zwanzig Jahren. Heute fahren sie in die Stadt. Die Clubs müssen daher zentrumsnah sein. Es ist aber eine grosse Herausforderung, an solch teuren Lagen geeignete Räumlichkeiten zu finden.

In der «Strategie 2020» hat sich der Gemeinderat 2009 zum Ziel gesetzt, die Rahmenbedingungen für die 24-Stunden-Gesellschaft zu ­verbessern. Was war damit gemeint? Es geht nicht darum, dass rund um die Uhr alles funktionieren soll. Auch in London fährt die U-Bahn nachts nicht durchgehend. Und in Amsterdam kann man nach 22 Uhr auch nicht Party machen vor der Beiz. Aber der Spital­notfall, die Moonliner oder E-Government müssen auch morgens um zwei Uhr funktionieren. Das gehört für mich auch zur 24-Stunden-Gesellschaft. Ich bin aber der Ansicht, dass kein Mensch in dieser Stadt um drei Uhr früh einkaufen gehen muss.

In der «Strategie 2020» versteht der Gemeinderat unter der 24-Stunden-Gesellschaft aber explizit eine ­Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten wie in den Tourismusorten – das heisst täglich bis 22.30 Uhr. Das hat sich politisch erledigt. Bern ist nicht Interlaken.

Das Gewerbe erhebt die Forderung aber nach wie vor. Die Touristen sind meist Tagestouristen. Für sie ist shoppen kein Thema – ausser am Sonntag. Touristen, die in Bern übernachten, sind aber eine kleine Klientel. Für sie sind längere Öffnungszeiten kaum ein Bedürfnis. Offene Läden am Sonntag rechnen sich zudem nicht.

Im Bahnhof sind die Läden aber sonntags voll. Für die Migros und den Coop trifft das zu. Aber es ist kein touristisches Bedürfnis, sondern eines, das der Bequemlichkeit der Einheimischen entgegenkommt.

Warum hat sich der Gemeinderat denn für eine Liberalisierung der Öffnungszeiten eingesetzt? Ich war immer ein Befürworter liberaler Öffnungszeiten, sofern alle arbeitsrechtlichen Bestimmungen nach GAV eingehalten werden. Heute gibt es verschiedenenorts Nachtarbeit ohne flankierende Schutzmassnahmen – etwa bei Quartierläden.

Sollen die jetzigen Ladenöffnungszeiten beibehalten werden? Im Grossen und Ganzen ja. Die Frage ist eher, ob sich das für die Ladenbesitzer rechnet. In zwölf Stunden verkauft ein Laden unter Umständen nicht mehr, als er dies in acht Stunden tun würde.

Der Gemeinderat will den Wohn­anteil in der Altstadt erhöhen. Das steht im Gegensatz zur 24-Stunden-Gesellschaft. In der unteren Altstadt muss der Wohnanteil erhöht werden. Hier bin ich für eine repressive Haltung in Form von Lärmkontrollen und Lärmschutzmassnahmen. Auch das Moratorium zur Gründung neuer Clubs begrüsse ich.

Bern hat das Image einer Stadt, die das Nachtleben abwürgt. Die Rechte einzelner Einsprecher gelten ­bisweilen mehr als das Ausgeh­bedürfnis Tausender. Es ist stossend, wenn eine einzelne Mieterin, die in die Nähe eines bestehenden Clubs in die Altstadt zieht, diesen bekämpft und auf juristischem Weg verdrängt. Wer auf dem Land ein Einfamilienhaus baut, soll nicht gegen den Bauer klagen, der seine Kühe mit ­Glocken behängt.

Heisst Repression auch, dass Gäste nach 0.30 Uhr nicht mehr auf der Gasse trinken und herumstehen sollen, wie dies jüngst beim Kreissaal für Schlagzeilen gesorgt hat? Nicht unbedingt. Aber die Gewerbepolizei muss ihren Job erledigen und das Gesetz anwenden. Sie kann nicht nach ­eigenem Gutdünken entscheiden und in einem Einzelfall toleranter sein, weil ihr ein Lokal sympathisch ist. Der Kreissaal-Wirt sollte sich jetzt umgehend um eine Bewilligung kümmern. Die Nachbarn scheinen sich ja nicht daran zu stören.

Obwohl es niemanden stört, wird interveniert. Ist das nicht absurd? Die Gewerbepolizei hat einen gesetzlichen Auftrag zu erfüllen. Den gesunden Menschenverstand soll und kann sie dort anwenden, wo das Gesetz einen ­Ermessensspielraum zulässt. Man kann nicht selektiv Gesetze anwenden. Im ­Übrigen gibt es noch nirgends eine Aussenbewirtschaftungsbewilligung nach 0.30 Uhr. Der Kreissaal könnte da zum Präzedenzfall werden.

Stimmt der Nutzungsmix in der unteren Altstadt noch? Dem ist leider nicht so. Der Gemeinderat will eine belebte Altstadt. Aber der Wohnanteil ist nach wie vor zu klein. Zudem gibt kaum mehr einen Lebensmittel­laden, dafür viele tote Schaufenster unterhalb des Zytglogge. Das ist aber auch eine Folge der Bequemlichkeit jedes Einzelnen. Im Quartier kaufen die Leute ­allenfalls noch den Knoblauch im Lädeli ein, den sie beim Einkauf im Grossverteiler vergessen haben.

Der Bund

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