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Kein Jux, selbst wenn es so gemeint wäre

Aufgrund einer Drohung hat die Gibb den Unterricht eingestellt. Bei den anderen Berufsschulen läuft der Betrieb normal weiter. Selbst wenn die Lehrstätten an die Gibb-Schulhäuser grenzen.

Polizeieinsatz in der Lorraine: Polizisten bereiten den Einsatz in der Gibb vor.
Polizeieinsatz in der Lorraine: Polizisten bereiten den Einsatz in der Gibb vor.
Valérie Chételat
Seit dem frühen Donnerstagabend ist die Gewerblich-Industrielle Berufsschule (Gibb) wegen einer anonymen Drohung geschlossen.
Seit dem frühen Donnerstagabend ist die Gewerblich-Industrielle Berufsschule (Gibb) wegen einer anonymen Drohung geschlossen.
gbl
Bei den Lehrwerkstätten Bern (LWB) wird der Unterricht dagegen weitergeführt.
Bei den Lehrwerkstätten Bern (LWB) wird der Unterricht dagegen weitergeführt.
mond
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Hinter einer langen Glasfront stehen leere Tische und Stühle im Halbdunkel. Die Kantine der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern (Gibb) ist verlassen. Vor dem Gebäude warten Polizeibeamte in kleinen Gruppen im Nieselregen, einige von ihnen tragen Sturmgewehre. Schüler sieht man an diesem Freitagmorgen keine. Die Schule im Lorraine-Quartier bleibt bis Sonntagabend geschlossen, nachdem eine anonyme Drohung bei der Direktion einging. Es ist eine seltsame Ruhe, die nur durch den gedämpften Verkehrslärm vom Nordring gestört wird.

Eine anonyme Drohung

Betroffen sind nicht nur die Gibb-Schulhäuser in der Lorraine. Sämtliche Gebäude der Gibb in Bern sind sicherheitshalber abgeriegelt. Rund 2000 Berufslernende, Studierende und Mitarbeitende müssen allein am Freitag zuhause bleiben. Die Kantonspolizei Bern nimmt die Drohung aufgrund der Art und Weise sowie des Inhalts sehr ernst. «Es ist klar hervorgegangen, dass mit einer grösseren Opferzahl zu rechnen wäre», sagt Polizeisprecher Michael Fichter.

Wie die Drohung übermittelt wurde, was genau der Inhalt der Drohung war und mit welchem Dispositiv die Polizei präsent war, will Fichter nicht sagen – aus polizeitaktischen Gründen, und weil es Nachahmungstaten zu verhindern gilt. Bei den Ermittlungen ist man bis Freitagabend noch nicht weiter gekommen. «Die Hintergründe sind nach wie vor unklar», sagt Fichter. Trotzdem: Am Montag könne der Unterricht wieder aufgenommen werden.

Die Direktorin ist alarmiert

Davon geht auch Sonja Morgenegg-Marti aus, die Direktorin der Gibb. An der temporären Schulschliessung habe aber kein Weg vorbeigeführt. «Für mich war ganz schnell klar: Das ist kein Scherz, das ist eine Drohung, die man ernst nehmen muss». Nach einer Risikoanalyse durch die Polizei habe man sich am Donnerstagabend für diese Massnahme entschieden. «Wir haben unsere Lehrkräfte, unsere Schülerinnen und Schüler in einem Mail informiert», sagt die Direktorin. Zudem habe man eine Hotline eingerichtet, über die Schüler, Angehörige und Mitarbeiter Auskunft beziehen können. Die Hotline ist bis Sonntag aufgeschaltet.

Information über Whatt's App

Die Informationen sind allerdings auf verschiedenen Wegen zu den Schülern gedrungen. Ein Mail von der Schulleitung habe er nicht bekommen, meint ein Schüler der Gibb, der am Freitagmorgen vor verschlossenen Türen steht. «Ich habe durch unsere What’s-App-Gruppe davon erfahren, bin aber trotzdem zur Schule gegangen. Es hätte ja sein können, dass der Unterricht doch nicht ausfällt.» Der junge Mann ist im vierten Jahr seiner Informatiklehre und arbeitet als Systemtechniker. Er finde es richtig, dass die Schulleitung den Unterricht ausfallen lässt. Selber nimmt er die Drohung aber nicht allzu ernst: «Ich könnte mir vorstellen, dass man damit nur einen Schulausfall provozieren wollte.»

Während sämtliche Schulhäuser der Gibb in Bern geschlossen sind, führen die anderen Berufsschulen ihren Betrieb weiter. Auch im Shed-Gebäude der Lehrwerkstätten Bern (LWB) in der Lorraine findet der Unterricht wie gewohnt statt – obwohl ein direkter Zugang zu einem Gibb-Gebäude besteht. Die Schüler vor Ort nehmen es teilweise mit Humor. «Ich hätte schon lieber schulfrei», sagt ein Jugendlicher mit einem Lächeln.

Andere sind skeptischer. Beunruhigend war für die Schüler insbesondere, als ihnen um 10.30 Uhr mitgeteilt wurde, dass vorläufig niemand das Schulhaus betreten oder verlassen dürfe. Auch die Weisung, sich nur in «kleinen Gruppen» auf dem Areal zu bewegen, sorgt für Unbehagen. Ein Schüler wendet sich gar mit einem Brief an die Medien. «Ich finde es verantwortungslos, so viele Menschenleben aufs Spiel zu setzen», schreibt der angehende Mechaniker, der nicht namentlich genannt werden will.

Geschäftsleitungsmitglied Roland Christen verteidigt den Entscheid, den Unterricht weiterzuführen. «Die Kantonspolizei hat uns am Freitagmorgen zugesichert, dass die Lehrwerkstätten von den Drohungen nicht betroffen sind», sagt er auf Anfrage. Er verstehe, dass gerade die temporäre Absperrung des Gebäudes bei den Schülern ein mulmiges Gefühl hinterlassen habe. Die Schulleitung habe aber nach der Abriegelung erneut das Gespräch mit der Polizei gesucht. Diese habe zugesichert, dass eine weitere Absperrung nicht vorgesehen sei. «Da die Sicherheit gewährleistet ist, sehen wir keinen Grund, den Unterricht auszusetzen», sagt Christen.

Mit dem Schlimmsten rechnen

Zu den Gründen der temporären Absperrung will sich Polizeisprecher Fichter nicht äussern. «Wir sind uns bewusst, dass solche Massnahmen für die Betroffenen eine grosse Belastung darstellen können», sagt er. Man habe deswegen versucht, die Einschränkungen so gering wie möglich zu halten. Es seien indes immer sehr schwierige Entscheidungen. «Wir wurden auch mit der Frage konfrontiert, ob es sich bei der Drohung nicht einfach um einen schlechten Scherz handle», sagt Fichter. Solange es aber keine Hinweise gebe, dass die Drohung nicht ernst gemeint sei, müsse man mit dem Schlimmsten rechnen. Und selbst wenn die Drohung nicht ernst gemeint sei, handle es sich noch lange nicht um einen Jux. Das löse in ganz vielen Menschen Ängste und Unbehagen aus. «Eine solche Drohung ist eine Straftat», sagt Fichter.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Gibb durch eine anonyme Drohung in den Ausnahmezustand versetzt wird. Bereits 2007 ging eine Bombendrohung in der Gibb ein; die Täterschaft konnte damals nicht ermittelt werden. Am Standort in Thun kündigte im Dezember desselben Jahres eine Wand-Kritzelei einen Amoklauf an. Nur ein Jahr später, im November 2008, wurde ein 16-jähriger Lehrling als Urheber einer erneuten Amok¬drohung an der Gibb in Bern gestellt.

Auf diese Häufung innerhalb der letzten Jahre angesprochen, verweist Direktorin Morgenegg-Marti auf die schiere Grösse der Schülerschaft. Man müsse das proportional sehen: «Wir haben rund 7500 Lernende und Mitarbeiter.» Wenn man die gelernten Berufsleute dazurechnet, seien es gar 8000. «Bei dieser Anzahl relativiert sich das.»

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