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Karriereplanung auf der Rückbank

Das Coaching-Taxi bietet in der Region Bern mobile Beratungssitzungen an. Leben haben diese noch nicht verändert, denn an Kunden fehlt es bislang.

Zusammen mit Nova-Taxi bietet das Coaching-Taxi Beratungen auf dem Rücksitz an.
Zusammen mit Nova-Taxi bietet das Coaching-Taxi Beratungen auf dem Rücksitz an.
Franziska Rothenbühler

Eine Taxifahrt kann schnell ins Geld gehen. Nun gibt es in Bern ein neues Angebot, dass den Taxameter in ungeahnte Höhen treibt. Das Stadtberner Transportunternehmen Nova-Taxi spannt mit acht Coaches zusammen, welche den Passagieren während der Fahrt in Berufsfragen zur Seite stehen. Eine Stunde im Coaching Taxi kostet in der Region Bern 390 Franken. Sollen weiter entfernte Destinationen angesteuert werden, wird der Preis nach oben angepasst.

Zum Vergleich: Für 390 Franken könnte man zum normalen Nova-Taxi-Tarif vom Berner Hauptbahnhof wahlweise nach Lausanne, Othmarsingen oder an den Badischen Bahnhof Basel fahren. Was geschieht denn auf der Rückbank dieses Coaching-Taxis, was den Fahrpreis gerechtfertigt? «Auf dem Weg zu einem wichtigen Meeting oder einer Präsentation können sich die Kunden bei uns den letzten Kick abholen», sagt Lorenz Wenger, Mediensprecher und zugleich einer der Taxi-Coaches. Das Angebot stehe zwar jedem offen, soll aber hauptsächlich Geschäftsleute in Kaderpositionen ansprechen. «Wir richten uns an Kunden, für die Zeit in diesem Moment wichtiger ist als Geld.» Eine Klientel, die noch nicht gefunden wurde. Denn seit der Einführung des Coaching-Taxis am 5. April wartet dieses immer noch auf den ersten Passagier.

Leben umkrempeln

Die Bestellung des Coaching-Taxis läuft über Nova-Taxi. Von dort wird einer der verfügbaren Coaches aufgeboten, der mit dem Kunden die Thematik bespricht, über die während der Fahrt diskutiert werden soll. Wie tiefschürfend kann denn ein Gespräch in der Länge einer Taxifahrt überhaupt sein? «Um ein ganzes Leben umzukrempeln, reicht beispielsweise die Strecke Bern bis Thun wohl nicht», sagt Wenger. Wenn die Vorstellungen des Kunden zu unrealistisch seien, könnten Aufträge auch abgelehnt werden. Die Idee des Coaching-Taxis ist hierzulande eine Neuheit. «Für einmal ist Bern der Schweiz voraus.» Doch im Ausland ist die mobile Beratung hier und da anzutreffen, beispielsweise in der deutschen Bundesstadt Bonn. In Amerika wurde das Angebot bereits ausgebaut. «Dort werden Coachings auch im Flugzeug angeboten. Natürlich zu viel höheren Tarifen.» Kann sich Wenger denn auch eine Erweiterung der Dienstleistung ab Flughafen Bern-Belp vorstellen? «Vielleicht, aber sicher nicht in den nächsten Jahren.» Vorerst soll das Geschäft auf dem Boden ins Rollen gebracht werden. «Mit zwei bis fünf Kunden pro Monat könnten wir einen ersten Erfolg verzeichnen.»

Auf andere Verkehrsmittel will das Coaching-Taxi nicht setzten. Grund: die Diskretion. «Das ist unser oberstes Gebot.» Wenger könnte sich nicht vorstellen, ein Coaching in einem Zugwagen durchzuführen. «In so einer Sitzung werden sensitive Themen behandelt. Da braucht es keine zusätzlichen Zuhörer.» Diese gibt es aber im Taxi auch – in Form des Fahrers. Chauffeure mit gespitzten Ohren beunruhigen Wenger nicht. «Wie ein Arzt untersteht dieser der Schweigepflicht.» Das sei im Taxireglement so festgehalten. «Was im Taxi passiert, bleibt auch im Taxi», versichert Wenger.

«Kein passendes Setting»

Nicola Jacobshagen von der Abteilung für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Bern findet das Coaching-Taxi eine «interessante Idee». Doch über Sinn und Zweck der Dienstleistung hegt sie Zweifel. «Ein Taxi bietet einfach nicht das passende Setting für ein Coaching.» Sie bemängelt, dass Kunde und Coach nicht im 90-Grad-Winkel zueinander sitzen, wie das üblich sei. «Dadurch ist es schwieriger, eine Vertrauensbasis zu schaffen.» Aus psychologischer Sicht sei zudem die Anwesenheit einer Drittperson, also dem Fahrer, nicht hilfreich. «Der Kunde könnte sich dadurch gehemmt fühlen und wird sich dann nicht öffnen.»

Auch in der kurzen Vorbereitungszeit dieser Last-Minute-Coachings sieht Jacobshagen Probleme, die auf die Qualität des Angebots drücken könnten. «Der Coach sollte klare Kenntnisse über die Situation seines Klienten haben.» Ein kurzes Telefongespräch vor der Beratung würde dazu nicht reichen. Sieht sie 390 Franken als gerechtfertigten Preis für eine Stunde im Coaching-Taxi? «Das kommt auf die Qualifikationen der Coaches an. Grundsätzlich ist es aber ein hoher Preis», sagt die Arbeitspsychologien.

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