«Kann man da ein neues Kabel dranmachen?»

Reparieren ist besser als wegwerfen, finden der Ex-Lutiger-Elektroverkäufer Martin Kalt und die Eventmanagerin Pascale Pichler.

Martin Kalt und Pascale Pichler – «Chnübler» im Breitenrain.

Martin Kalt und Pascale Pichler – «Chnübler» im Breitenrain.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Markus Dütschler

Neues kaufen ist einfach – und billig. Flicken ist teuer, denn es ist zeitaufwendige Handarbeit. Das stimmt fast immer, doch in der Werkstatt Heicho in der Alten Feuerwehr Viktoria versucht man diesem ehernen Gesetz der modernen Konsumwelt ein Schnippchen zu schlagen. Wer das fröhliche Kindergeschrei vom Pausenplatz der Schule Spitalacker hinter sich lässt und das Atelier betritt, sieht «Tinu» hinter dem Verkaufstisch. Der 46-jährige Martin Kalt war Verkäufer im traditionsreichen Elektrofachgeschäft Lutiger in der Berner Altstadt, das 2016 schloss (siehe Sideline).

Auch Kalt verlor die Stelle. Schubladenstöcke, Regale und die Registrierkasse, die Lutiger nicht mehr brauchte, wechselten hinauf in die Alte Feuerwehr Viktoria, wo der teilzeitliche Lutiger-Mitarbeiter Mike Kaden ein Elektrolädeli eröffnet hatte. Nun ist auch Tinu dort angekommen, der von sich sagt, er habe «sozusagen zum Lutiger-Inventar gehört». Auch weil es wie eine Heimkehr war, heisst der Laden im Spitalacker Heicho – Leuchtmittel, Experten, Dienstleistungen.

«Kann man da ein neues Kabel dranmachen», ist eine Frage, die dem Elektroverkäufer häufig gestellt wird. Oft wollen das nicht nur die Besitzer alter, aber funktionstüchtiger Elektrogeräte wissen, sondern auch Leute, die eine Designerlampe erworben haben, deren Kabel ihnen nicht gefällt. Darfs vielleicht ein farbiges Stoffkabel sein, das es bei Heicho in vielen Farben gibt? Ein Herr wünscht sich ein neues Kabel für den Kopfhörer: «D’Chopfhörer wäre no guet.» Nur die Schaumstoffpolsterung der Lautsprecher nicht mehr. Da muss sogar Heicho kapitulieren vor der Verschleissökonomie, die alle zwingt, dem Kaputten Intaktes hinterherzuwerfen.

Doch oft findet sich im Heicho-Laden in einer Schublade das Passende. Heicho bestellt auch Neugeräte. Laut Heicho ist es nämlich so, dass Grossverteiler keine Artikel bestellen, die nicht im Normalsortiment gelistet sind. Alles ist standardisiert und auf Menge ausgelegt.

Doch nicht nur das Kaufen steht bei Heicho im Mittelpunkt, sondern vor allem die Dienstleistung. Es gibt viele Dinge, die Leute nicht selber machen können – oder wollen, etwa Lampen montieren nach dem Zügeln. «Manchen stinkt es einfach, es selber zu machen», sagt Kalt. Und viele Zügelmänner lassen die Finger davon, obwohl es keine Hexerei ist. Heicho übernimmt die Montage. Oder da war ein Mann mit einer Tüte voller gebrauchter Hemden, bei denen an jedem ein Knopf fehlte. Zum Wegwerfen zu schade, fand der Kunde. Nein, Tinu näht keine Knöpfe an, aber helfen kann er dennoch.

Bei Wünschen wie diesem tritt die Mitinitiantin von Heicho in Aktion, Pascale Pichler. Die 36-jährige Frau, die zugleich Konzertveranstalterin ist, vervollständigte die Knöpfe. Ist der abgesprungene Knopf verloren, kramt sie einer Holzkiste, in der fast jeder Typus Knopf vorrätig ist oder sucht genau das richtige Material in ihren unzähligen Kisten und Gläsern. Dazu verkauft sie im Handwerkermärit im Heicho in der Schweiz handwerklich gefertigte Accessoires, Dekorationsartikel und Souvenirs – quasi der gespürige Gegenpol zur rauhen technischen Domäne auf Tinus Seite.

Sie mache «alles Chnüble ohni Strom», sagt die gebürtige Sankt Gallerin, also Nähen, Leimen, Stricken oder einfach die richtige Lösung finden. So bringt sie an Küchentüchern einen zweiten Aufhänger an, damit sie besser trocknen. Oder sie hat für eine Kundin einmal mit geschickter Hand ein zerbrochenes Souvenir aus Mittelamerika geleimt: «Nichts wirklich Wertvolles, aber ein Stück von hohem emotionalem Wert.» 80 Franken kostet die Stunde, aber oft sei eine Sache in einer Viertelstunde erledigt, sagt die Literatur- und Filmwissenschaftlerin. Bei Tinu, zuständig für das «Chnüble mit Strom», erkundigt sich eine Kundin nach Glühbirnen. Hinter ihm stapeln sich viele Sorten in der Nischenwand. Edisons Jahrhunderterfindung ist von der EU auf den Index der Klimasünder gesetzt worden, sodass sie kaum noch erhältlich ist. «Die grossen Hersteller produzieren keine Glühbirnen mehr für Europa», weiss Kalt. Und doch gibt es in vielen Haushalten Lampen und Deko-Beleuchtungen, die traditionelle Birnen benötigen. Heicho besorgt die Leuchtmittel bei einem kleinen Hersteller in der Innerschweiz. Schöne Lampen leben so noch etwas länger.

Der Bund

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