Jetzt stehen auch die Velos im Stau

Es wird eng auf Berns Velostreifen. Laut neuen Zahlen sind über 30 Prozent mehr Velofahrer unterwegs als 2014. In der kalten Jahreszeit greift die Velo-Offensive hingegen noch nicht.

Wer mit dem Velo zu Stosszeiten das Areal des Inselspitals verlassen will, der muss sich hinten anstellen.

Wer mit dem Velo zu Stosszeiten das Areal des Inselspitals verlassen will, der muss sich hinten anstellen.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Simon Preisig@simsimst

Zu Stosszeiten kommt es auf Berns Strassen zu Staus. Die Rede ist nicht von stehenden Autokolonnen. Nein, neuerdings müssen sich in der Stadt Bern an neuralgischen Punkten auch die Velos in eine Kolonne stellen. Sei es auf der Lorrainebrücke oder auf der Strasse, die vom Areal des Inselspitals in die Hauptachse Laupenstrasse führt.

Diese Entwicklung belegen auch die Daten der automatischen Velozählstationen, die die Stadt Bern dem «Bund» auf Anfrage zum ersten Mal bekannt gibt. An fast allen Zählpunkten nimmt die Anzahl Velos kontinuierlich zu. Im vergangenen Sommer wurden neue Höchstwerte erreicht. So sind am Spitzentag 8200 Velofahrer durch die Monbijoustrasse geradelt (siehe Tabelle unten). Im Vergleich zu 2014 sind im Monbijou über 30 Prozent mehr Velos unterwegs. Eine ähnliche Entwicklung ist auch an den 13 andern Zählstationen zu beobachten. Und ein Blick nach Luzern zeigt: Auch dort wächst der Veloverkehr, jedoch weniger stark als in Bern.

Im Sommer scheint die behördliche Velo-Offensive Wirkung zu zeigen. Anders im Januar. Im Winter hat die Anzahl Velofahrer seit 2014 nur sehr schwach zugenommen. Sie verharren beispielsweise in der Monbijoustrasse bei 2000 Fahrten pro Tag. In Winter sind dort im Durchschnitt fast drei Mal weniger Velos unterwegs als im Sommer. Dies ist ärgerlich, da die Velo-Offensive das gesamte Verkehrssystem entlasten soll. Wenn aber an gewissen Tagen fast niemand Velo fährt, müssen die Kapazitäten, sei es im ÖV oder auf der Strasse, dennoch da sein.

Die Nordländer sind wetterfester

«Wir sind uns dieses Problems bewusst», sagt Karl Vogel, städtischer Verkehrsplaner. Es sei jedoch so, dass gerade in nördlichen Ländern auch bei garstigen Verhältnissen Velo gefahren werde. «Das ist eine Kulturfrage, in der wir mit mehr Information und Sensibilisierung sicher noch etwas erreichen können», sagt Vogel. «Es gibt super Schutzkleidung, bei Regen muss das Velo nicht daheim bleiben.» Zudem laufe das Pilotprojekt für eine bessere Schneeräumung auf den Berner Velohauptrouten. Die erste solche Strecke verläuft vom Wankdorf via Bahnhof zum Europaplatz. «Eine noch stärkere Velo-Priorisierung liegt mit den aktuellen Kapazitäten des Werkhofs nicht drin», räumt Vogel ein.

Der Verkehrsoziologe Jörg Beckmann, Leiter der Mobilitätsakademie des TCS, glaubt ebenfalls, dass heutige Sommerradler einst auch im Winter Velo fahren könnten. «So ein Wandel braucht seine Zeit. Wenn die Routinen da sind, wird auch im Winter mehr Velo gefahren», sagt Beckmann.

Beckmann ortet aber andere Schwächen in der Berner Velo-Offensive. Etwa die Tatsache, dass nach wie vor drei Viertel der Berner Familien ein Auto besitzen, ganz im Gegensatz zum Berner Durchschnittshaushalt, der kein Auto hat. «In dieser Lebensphase scheinen viele Menschen nach wie vor auf ein Auto angewiesen zu sein», sagt Beckmann. Um dies zu ändern, genügt laut Beckmann auch keine Kampagne, sondern es müsse konkreter Ersatz geboten werden, um das Transportbedürfnis zu stillen. Dies könnten etwa Lastenvelos sein, wie sie in Bern bereits an einigen Orten ausgeliehen werden können.

Mehr Velos, gleich viele Autos

Beckmann sieht in diesem Bedarf nach einer Transportmöglichkeit auch einen der Gründe, warum der Autoverkehr in Bern nicht unbedingt abnimmt, wenn der Veloverkehr zunimmt. Wie der am Donnerstag veröffentlichte Bericht «Städtevergleich Mobilität» zeigt, sind neue Velofahrer nämlich eher ehemalige Fussgänger als Ex-Autofahrer. Auch hier sieht Verkehrsplaner Vogel Handlungsbedarf. So sei ein neues Parkierreglement in Arbeit, das die Verkehrsströme stärker berücksichtigt: Für Autoparkplätze in Zonen, in denen Velos mehr Platz benötigen, sollen die Tarife erhöht, an andern Orten gesenkt werden.

Und was passiert, wenn der Velostau weiterwächst? Lassen dann gar Leute ihr Velo daheim? «Wir halten dagegen und verbreitern die Velowege, wo es geht», sagt Verkehrsplaner Vogel. Und ergänzt: «Ein bisschen mehr Geduld müssen auch die Velofahrer in Zukunft wohl aufbringen.»

Bern scheint also auf dem besten Weg zur Velo-Hauptstadt. Wie steht es aber wirklich um die Velo-Stadt Bern? Wie erleben Sie die Stadt, wenn Sie sie per Velo durchqueren? Lassen Sie es uns im «Stadtgespräch» wissen.

Der Bund

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