«Jetzt muss ich konsequent sein»

Das Stadttheater braucht einen Leiter fürs Schauspiel: Erich Sidler verlässt Bern 2012. Sein Chef will ohne Erinnerung an die bisherigen Verteilkämpfe in die Zukunft. Und einen neuen Mann hat er bereits.

Nächste Woche beginnt die neue Spielzeit: Es ist Erich Sidlers letzte.

Nächste Woche beginnt die neue Spielzeit: Es ist Erich Sidlers letzte.

(Bild: Valérie Chételat)

Daniel Di Falco

Cathy Marston hat sich schon entschieden: Die Ballettchefin verlängert ihren Vertrag um ein Jahr gemäss dem Angebot, das der Stiftungsrat den Spartenleitern schon vor der Wahl des neuen Direktors gemacht hatte. Für Erich Sidler war das keine Option. Er hatte längerfristige Pläne, wollte das «Provisorium» in den Vidmarhallen beenden und sie zum «Schauspielhaus» machen. Mit einer neuen Sparte Jugendtheater, einem «richtigen Foyer» und Räumen für Büros, Probebühne und Requisitenlager, die heute über die Stadt verstreut sind. «Das Schauspiel braucht diese Selbstständigkeit», sagt er.

Dass er es mit dieser Haltung nicht einfach haben würde beim neuen Direktor, der schon bei seinem ersten Auftritt erklärt hatte, es gebe zu wenig Zusammenarbeit über die Sparten hinweg – das ist Sidler klar. «Ich musste seit seiner Wahl mit diesem Entscheid rechnen. Aber meine Pläne waren älter. Sie beruhten auf der Erfahrung der letzten fünf Jahre.» Und die seien bestimmt gewesen von den Kämpfen um die ohnehin knappen Mittel fürs Schauspiel. Kämpfe, in denen Sidler nicht klein beigab. Vor einem Jahr hatte er öffentlich den Aufstand gegen den damaligen Intendanten Marc Adam und sein Spardiktat geprobt. Und das mit Erfolg.

«Volles Verständnis»

Jetzt tritt Sidler ab, dabei gibt es offenbar weder persönliche noch künstlerische Differenzen mit dem Direktor. «Ich verstehe mich gut mit Stephan Märki», sagt Sidler, «ich habe als Regisseur schon mit ihm zusammengearbeitet.» Und auch dafür, dass sich Märki gegen ihn entschieden hat, zeigt Sidler «volles Verständnis»: «Es ist richtig, dass er das Haus ganz neu aufbauen will. Ich bin einer, der schon da ist mit einer fixen Idee.»

Sidler wehrt sich aber gegen den in der Szene kursierenden Vorwurf, seinen Ausbauplänen wäre das Ballett in den Vidmarhallen zum Opfer gefallen. «Ich bin für das Schauspiel, aber nicht gegen das Ballett. In der Vidmar hätte es auch genug Platz für ein Tanzzentrum gehabt.» Und für eine engere Zusammenarbeit mit den anderen Sparten wäre Sidler, wie er sagt, «selbstverständlich» zu haben gewesen. Nicht aber dafür, seine Haltung aufzugeben. «Ich stehe für die Stärkung des Schauspiels. Darum muss ich auch jetzt konsequent sein.»

Erschwerter Neustart

«Sidler hat viel geleistet», sagt Stephan Märki. «Er hat das Schauspiel immer wieder verteidigen müssen. Dass die Vidmarhallen so gut positioniert sind, ist sein Verdienst.» Trotzdem hat sich der Direktor entschieden, einen neuen Schauspielleiter zu suchen. «Bisher hat jede Sparte für sich gearbeitet, doch jetzt bricht eine neue Zeit an, im Sinn eines gemeinsamen Denkens. Ein Mehrspartenhaus muss mehr sein als die Summe vier einzelner Sparten.» Die Vidmarhallen seien «Sidlers Baby», sagt Märki. Dass er sie verteidige, verstehe er gut. Wenig Verständnis hat er aber für die Idee mit dem Schauspielhaus: «Ich will Spielorte, wo alle Sparten auftreten, und das ist nur ein Beispiel, wo es wohl Reibungen gegeben hätte.»

Märki hat Erfahrung mit Neuanfängen. Schon zweimal hat er ein Theater übernommen – beide Male auch weitgehend die Ensembles. «Trotz viel gutem Willen bin ich immer am Punkt gelandet, an dem die einen das verteidigt haben, was sie aufgebaut haben, und die anderen den Anspruch gestellt haben, das Gewohnte auch wieder ganz neu zu bewerten.» Märki macht keinen Hehl daraus, dass der Neustart in Bern erschwert ist, weil er vorerst auch als Übergangsdirektor amten und die Fusion von Stadttheater und Symphonieorchester intern vollziehen muss. «Wir arbeiten unter Hochdruck, aber jede Position muss neu begutachtet werden. Üblicherweise wird ein Direktor gewählt, taucht dann mit einer neuen Mannschaft auf und fängt mit einem Feuerwerk an. Hier müssen und wollen wir sensibler vorgehen.» Das verlangsame allerdings auch den künstlerischen Aufbruch.

Mit den Schauspielern, von denen die meisten Verträge bis Ende Juni 2012 haben, will Märki Einzelgespräche führen, «Ich kann mir durchaus vorstellen, auf der Basis dieses Ensembles das neue Schauspiel aufzubauen. Sidlers Nachfolger braucht aber auch Gestaltungsspielraum.» Einen Kandidaten hat Märki schon gefunden; er schlägt ihn nun dem Stiftungsrat vor. «Wird er gewählt, werden wir sofort mit der Planung loslegen.»Und Sidler selber? Eine neue Stelle hat er noch nicht. «Aber der Schmerz der Trennung ist bereits da.»

Der Bund

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