«Jetzt können wir durchatmen»

Nach jahrelangem Seilziehen wurde gestern der Matte-Poller erstmals hochgefahren. In Feststimmung verfallen die Mätteler deswegen aber nicht. Ein Augenschein vor Ort.

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Adrian Müller@mueller_adrian

Punkt 17 Uhr brach gestern in der Matte eine neue Zeitrechnung an. Mit einem leisen Zischen erhoben sich bei strömendem Regen die zwei massiven, mit LED-Leuchten bestückten Poller auf Höhe der Jugendherberge aus der Aarstrasse. Die Pfosten versperren so künftig von fünf Uhr nachmittags bis neun Uhr morgens (Montag bis Samstag, Sonntag ganzer Tag) den Autos die Durchfahrt durch das Aare-Quartier.

Von den rund einem Dutzend anwesenden Matte-Bewohnern liess indes niemand die Champagner-Korken knallen. Bloss ein Topf mit Sonnenblumen schmückte kurzzeitig das Ungetüm aus Metall.

Gemische Gefühle bei Mättelern

«Hauptsache ist, dass mit dem Poller endlich der Auto-Pendlerverkehr aus der Matte verschwindet und der Poller so für mehr Sicherheit im Quartier sorgt. Alles andere wird sich zeigen», sagt Bernhard Bürkli, Präsident des Matte-Leists. Bis gestern fuhren täglich über 3000 Autofahrer über den beliebten Schleichweg, obschon seit 1987 ein Fahrverbot für den Durchgangsverkehr gilt. Viele davon kamen aus Richtung Wabern.

Nach jahrelangem Seilziehen entschied sich der Gemeinderat für die «Poller light»-Lösung – der Metallpfosten wird tagsüber abgesenkt. Von der Seite Nydegg ist die Matte mit dem Auto übrigens weiterhin zugänglich – allerdings nur im «Zubringerdienst-Regime».

Mit Argusaugen beobachteten die Mätteler, wie die ersten Autos die Poller-Schranke passierten – oder eben nicht. So musste ein Nova-Taxi in der Polleranlage den Rückwärtsgang einlegen und wenden, weil der Fahrer offensichtlich noch über keinen Badge verfügte. Abgesehen davon zückten die Matte-Anrainer ihre Zugangskarte mit einer Selbstverständlichkeit, als gäbe es die «Matte-Sperre» seit Jahren. «Wie geht das Ding denn runter?»: Nur ein Gewerbler wusste erst nicht so recht, wo er seine Karte hinhalten musste. Insgesamt haben laut Gewerbepolizei bislang 483 Anwohner und Gewerbetreibende einen Matte-Badge erhalten.

Konfusion bei Autofahrern

Das neue Verkehrsregime ist aber längst nicht bei allen angekommen: Am Dalmazi-Kreisel stand ein Verkehrslenker und stoppte zahlreiche Autos, indem er mit dem Finger auf das Schild «Einbahn, keine Wendemöglichkeit» zeigte. «Eben musste ich eine Spitex-Angestellte wegweisen, die eine Patientin besuchen wollte. Die muss jetzt halt aussen herumfahren», so der Angestellte. Die Autolenker hätten aber die neue Regelung erstaunlich gelassen hingenommen. Aram Melikja vom Matte-Leist hat vor 14 Jahren eine «Kampfschrift» für den Poller verfasst. Er ist aber nicht wirklich glücklich mit dem Standort des Pollers: «Vom Marzili aus kann man die Kinder nun nicht mehr in die Matte-Kita fahren. Das ist schade.»

Mehr Freude hat Horst Niethammer, der seit 34 Jahren in der Matte wohnt: «Endlich können wir die Fenster zur Gerberngasse hin wieder öffnen und richtig durchatmen.» Mit dem Poller verschwänden aber noch lange nicht alle Autos aus der Matte: Der Zugang via Läuferplatz bleibt weiterhin offen – auch für Nachtschwärmer. «An das Nachtfahrverbot hält sich sowieso niemand», sagt Niethammer. Fortan können aber Betrunkene nicht mehr die Aarstrasse als Rennstrecke missbrauchen. Doch für einen Menschen kommt der Poller zu spät: Im Dezember 2012 fuhr ein betrunkener Partygänger eine Mattebewohnerin auf dem Trottoir tot. Der tragische Unfalltod schwebte gestern wie ein Schatten über der Poller-Premiere.

Der Bund

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