Jenische Glücksgefühle nach Alain Bersets Umarmung

In politischer Hinsicht hat die Feckerchilbi in Bern ihr Ziel bereits während der Eröffnungsstunde erreicht: Bundesrat Berset erfüllte die Forderung der Jenischen und Sinti.

Macht aus Fahrenden Jenische: Alain Berset gestern in Bern.

Macht aus Fahrenden Jenische: Alain Berset gestern in Bern.

(Bild: Adrian Moser)

Marc Lettau

Zigeuner, Fecker, Vaganten, Korber. Die Jenischen sind über Jahrzehnte, Jahrhunderte mit einer ganzen Palette von Fremdbezeichnungen eingedeckt worden. Und allesamt waren sie negativ konnotiert. Diesen Frühling richteten die Organisationen der Jenischen und der Sinti deshalb eine Petition an Bundesrat Alain Berset: Man möge sie doch nicht länger unter dem diffusen Begriff Fahrende subsumieren, zumal die wenigsten auf Reise gingen. Ein Volk habe einen Namen, der mehr sei als ein Hinweis auf die Fortbewegungstechnik.

«Mit Sprache schafft man Realität»

Vier Worte brauchte Bundesrat Alain Berset gestern (die ganze Rede hier), um an der Eröffnung der Feckerchilbi zu belegen, dass das Anliegen bei ihm angekommen ist: «Liebe Jenische, liebe Sinti, . . .». Bereits mit der Anrede machte Berset klar, dass die Bundesbehörde im Umgang mit der Minderheit sich künftig an die Selbstbezeichnung der schon seit 1998 anerkannten nationalen Minderheit halten will.

Explizit sagte Berset: «Ich anerkenne die Forderung nach Selbstbezeichnung. Ich werde mich dafür einsetzen, dass der Bund Sie künftig Jenische und Sinti nennt. Und dass künftig auf den allgemeinen Begriff Fahrende verzichtet wird.» Im Wissen, dass die marginal scheinende Revision der behördlichen Terminologie für die Betroffenen gewichtig ist, ergänzte der Innenminister: «Das ist nicht Wortklauberei. Mit Sprache schafft man Realität.»

Nation der Minderheiten

Berset zitierte in seiner Rede, wie der jenischen Autor Venanz Nobel (siehe nebenstehendes Interview) die vertraute Halbdistanz zwischen der Kultur der Jenischen und der Kultur der Sesshaften beschrieb: «Wir essen, trinken, musizieren, genau wie Sie, nur manchmal ein bisschen anders. Es gibt bei uns solche, die Schwyzerörgeli spielen, allerdings meist ein bisschen anders. Andere wiederum spielen Gitarre, Geige und Bass, auch das ein bisschen anders.» Berset folgerte, dass diese «andere Sicht auf scheinbar Vertrautes» – «diese etwas andere Kultur der Jenischen und Sinti» – die Schweiz daran erinnere, was sie zusammenhalte: «Wir sind kein Volk mit Minderheiten. Wir sind ein Volk der Minderheiten. Wir sind alle etwas anders.»

Das von Berset an der Feckerchilbi skizzierte Schweiz-Bild setzt auf Vielfalt: «Was uns verbindet, ist gerade nicht eine einheitliche Sprache und Religion. Die Vielfalt der Lebensweisen, der Kulturen, des Blickes auf die Welt: das ist eine immense Stärke unseres Landes.» Eine nach Berset zentrale Stärke, «denn sie bewahrt uns vor einer Verhärtung unserer Identität und vor geistiger Eindimensionalität». Dies führe auch dazu, dass wir ständig herausfinden müssten, was die Schweiz ausmache: «Das schützt uns bis zu einem gewissen Grad vor einer Politik, die sich einfach an der Mehrheit ausrichtet und dabei Minderheiten ausschliesst.»

Blick ins dunkle Kapitel

Angesichts der bis in die 1970er-Jahre anhaltenden Übergriffe auf Jenische und Sinti, die von Kirche, Sozialwerken und Staat ausgegangen waren, warnte Berset zudem vor der Verklärung der «guten alten Zeit». Das zurückliegende Kapitel sei ein dunkles. Wer denke, früher sei alles besser gewesen, täusche sich: «Die heutige Schweiz ist sehr viel offener und menschlicher als die gestrige.» Man begegne den Rechten der Minderheiten sehr viel aufmerksamer als in der Nachkriegszeit. Diese «Schweiz mit menschlichem Gesicht» gelte es zu schützen und zu stärken, zumal in Europa eine Verhärtung der Mentalitäten im Gang sei.

Die Feckerchilbi dauert noch bis am Sonntag und bietet nebst Zuckerwatte, Marktständen und zahllosen musikalischen Momenten auch nach Bersets Fanal politische Auseinandersetzung – mit Debatten auf und neben dem Podium, Ausstellungen und einem Filmzyklus.

Der Bund

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