It’s a man’s world

«Poller»-Kolumnist Peter Schibler ehrt heute die Erfindung der Informationstafel.

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Eigentlich hatte sich Simons Vater, 76, darauf gefreut, nach vielen Jahren wieder einmal alleine, ohne quasselnde Begleitung, zu reisen, und zwar von seinem Heimatdorf Allmendingen BE nach Kempraten SG am Zürichsee (Orte geändert), und zwar mit dem Zug.

Rund drei Wochen vor dem geplanten Reisetermin rief dann also Simons Mutter ihren erstgeborenen Sohn an, eben Simon, der heute als Vertreter einer internationalen Organisation in Genf wohnt: Ob er nicht auch befürchte, sein Vater könnte sich im Labyrinth des Zürcher Hauptbahnhofs verirren? Schliesslich müsse er dort umsteigen: «Und du weisst doch, wie umständlich Vater ist, wenn ich nicht dabei bin.»

Simon versuchte es mit dem Sarkasmus des versierten Diplomaten: Soviel er wisse, verstehe man in Zürich Berndeutsch, Vater werde also kaum abhanden kommen, und überhaupt müsse er, Simon, sich jetzt um die Welt kümmern. Seine Mutter lachte gequält, schien aber beruhigt.

Noch am selben Abend, kurz vor Mitternacht, rief dann allerdings Simons Bruder Lukas, der heute als Osteuropa-Korrespondent verschiedener Medien in Wien lebt, Simon in Genf an: Er, Lukas, sei soeben nach Hause gekommen und habe Mutter auf der Mailbox. Sie sei völlig ausser sich wegen Vaters Reise nach Kempraten, und statt sich um sie zu kümmern, habe er, Simon, ihr einfach das Telefon aufgehängt mit der Begründung, er müsse jetzt arbeiten.

«Aber um diese Nachtzeit kann ich doch unmöglich noch daheim anrufen», klagte Lukas von Wien nach Genf: «Du weisst ja, wie Mutter ist. Die erholt sich tagelang nicht mehr von einem Telefonklingeln mitten in der Nacht. Und morgen geht auch nicht, da muss ich hier laufend vom Besuch des chinesischen Wirtschaftsministers berichten.»

So waren es in jener Nacht nicht die Fragen des internationalen Interessenausgleichs, die Simon einen unruhigen Schlaf bereiteten, sondern die Frage, ob man wohl die Zürcher «Bahnhofhilfe» stundenweise mieten könne, um eine Mutter ruhigzustellen.

Um sieben Uhr früh wurde Simon dann vom Telefon geweckt: Tante Jeanette aus Pontresina. Seine Mutter habe sie soeben angerufen und ihr erzählt, dass er sich fürchterliche Sorgen machen würde, weil sein Vater in Zürich allein umsteigen müsse.

Er könne aber vollkommen beruhigt sein: Sie, Tante Jeanette, werde nun das Ganze in die Hand nehmen und noch heute eine Freundin aus Zürich bitten, zum Bahnhof zu gehen und ein ganz exaktes Kroki aufzunehmen, das sie dann seiner Mutter schicken würde, die es Vater dann ganz exakt erklären und ihm auf die Reise mitgeben könne.

Simons Vater hat dann übrigens, unbeholfen, wie er ist, das erwähnte Kroki im Intercity nach Zürich liegen lassen. Er kam aber dennoch nach Kempraten am Zürichsee. Er habe sich, sagte er nach seiner glücklichen Rückkehr, halt einfach an den Fahrplan-Hauptanzeiger und die Richtungspfeile gehalten: Es sei ja eigentlich alles tipptopp ausgeschildert.

Wo wären wir hilflosen Männer heute, wenn wir nicht seinerzeit die Informationstafel erfunden hätten? It is a man’s world!

Peter Schibler ist Autor in Bern und war schon an mehreren Orten auf verschiedenen Kontinenten, vor allem aber letzten Sonntag an einem Familienfest in Scherzingen TG.

Der Bund

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