Rot-grüne Parteien bremsen neues Tram

SP, GB und GFL äussern unerwartet heftige Kritik am geplanten Tram in die Berner Länggasse. Erste Priorität habe der Fuss- und Veloverkehr.

Ist die Schanzenbrücke zu schwach für ein Tram?

Ist die Schanzenbrücke zu schwach für ein Tram? Bild: Franziska Rothenbühler (Archiv)

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Neue Tramprojekte konnten in der Stadt Bern bisher auf die politische Unterstützung der Parteien des Rot-Grün-Mitte-Bündnisses (RGM) zählen. Das entschlossene Ja von SP, GB und GFL hatte Gewicht, schon nur weil RGM seit über zwei Jahrzehnten die Mehrheit im Gemeinderat stellt. In der Stadt Bern gab es an der Urne denn auch stets Mehrheiten für Tramprojekte, auch wenn sie manchmal im ersten Anlauf am Nein im Kanton oder in Vorortsgemeinden scheiterten.

Unerwartete Vorbehalte

Bei der angedachten neuen Tramlinie in die Länggasse zeigt sich nun überraschenderweise ein anderes Bild. Zwar lehnt keine der drei RGM-Parteien ein Länggass-Tram kategorisch ab. Ihre Eingaben in der Mitwirkung, die letzte Woche zu Ende ging, sind jedoch allesamt ausgesprochen skeptisch.

Anfang April hatten die scheidende kantonale Verkehrsdirektorin Barbara Egger und ihr Stadtberner Pendant Ursula Wyss (beide SP) die sogenannte Zweckmässigkeitsbeurteilung (ZMB) für die ÖV-Zukunft im Korridor Wyler–Längasse vorgestellt. Gemäss den Expertisen ist kurzfristig eine durchgehende Linie mit grossen Doppelgelenkbussen vom Wyler in die Länggasse die favorisierte Lösung. Langfristig, das heisst ab 2035, ist laut den Planern dagegen ein Tram die beste Lösung, wenn auch bloss für die Länggasse.

Dass die Stadtberner SVP in ihrer Mitwirkungsantwort ein Länggass-Tram ablehnt, erstaunt nicht. Auch die «skeptische» Beurteilung der Stadt-FDP ist angesichts ihrer wechselnden Positionsbezüge zu Tramprojekten in der Vergangenheit keine grosse Überraschung. Ebenso wenig die Ablehnung der Velo- und Fussgängerlobbys. Die unterschiedlichen, aber insgesamt sehr kritischen Stellungnahmen der RGM-Parteien hingegen kommen unerwartet. Am klarsten formuliert das Grüne Bündnis (GB) eine neue Doktrin. Zwar schliesst die linksgrüne Partei «nicht aus, dass langfristig ein Tram in die Länggasse geführt werden muss». Ein «teurer Infrastrukturausbau» sei aber erst dann angebracht, wenn andere «stadtverträgliche Mobilitätsformen» nicht ausreichten. Darunter versteht das GB insbesondere den Fuss- und Veloverkehr, aber auch Massnahmen wie eine Verschiebung der Unterrichtszeiten an Schulen und Universität, um die Spitzen der ÖV-Nutzung zu brechen.

Länggasse als Testgebiet

GB-Präsidentin Stéphanie Penher war bis vor kurzem kantonale VCS-Geschäftsleiterin und ehemalige Leiterin der städtischen Kampagne für das Ostermundigen-Tram. Weshalb beurteilt ausgerechnet sie die Tramlösung für die Länggasse nun sehr skeptisch? «Das Tram Bern–Ostermundigen ist mit seiner langen Strecke genau die richtige Lösung», betont sie. «In der Länggasse hingegen geht es um eine relativ kurze Tramstrecke, und die Wege sind häufig kurz genug, dass sie auch zu Fuss oder mit dem Velo bewältigt werden können.» Im gleichen Sinn äussert sich auch die grüne Schwesterpartei GFL.

Die städtische SP will kein Tram auf Kosten des Veloverkehrs und äussert auch generell massive Kritik. Dennoch sagt SP-Co-Präsident Daniel Rauch: «Wir sind nicht grundsätzlich gegen ein Tram in die Länggasse.» Den Konflikt zwischen Tram und Velo etwa könne man entschärfen, indem man die Autoparkplätze in der Länggasse aufhebe und so Platz für Velostreifen schaffe.

Penher verweist darauf, dass mit den geplanten Doppel­gelenkbussen die ÖV-Kapazität in der Länggasse ohnehin ausgebaut werde. Der ÖV müsse insbesondere für Menschen mit eingeschränkter Mobilität attraktiv und komfortabel bleiben. Das GB will zudem die Länggasse von den benachbarten Buslinien her besser erschliessen.

Es sei allerdings auch ein generelles Umdenken, sagt Penher. «Wir finden, dass man nun einmal ausprobieren sollte, was man mit Anreizen für sanfte und kostengünstige Verkehrslösungen erreichen kann. Wenn man feststellen müsste, dass dies nicht ausreicht, sind wir selbstverständlich für ein Tram.»

(Der Bund)

Erstellt: 11.07.2018, 06:32 Uhr

Wie die Tramlinien verknüpft werden, ist noch offen

Die SP-Sektion Bümpliz/Betlehem kündet in einem Punkt, der Bern-West betreffen könnte, sogar «Widerstand» an: Es dürfe nicht sein, dass das Tram 7 von Bümpliz künftig wegen eines neuen Länggass-Trams am Bahnhof wenden müsse, anstatt wie heute in den Ostring weiterzufahren. Was ist da dran? In den Studien, die der sogenannten Zweckmässigkeitsbeurteilung (ZMB) zugrunde liegen, wurde tatsächlich angenommen, dass das neue Länggass-Tram ab Bahnhof mit der Linie 7 in den Ostring verknüpft würde. Allerdings wird in der ZMB auch klar gesagt, dass dies bloss «als Übungsanlage für die Bewertung unterstellt» wurde. Die Frage, wie ein Länggass-Tram in das Netz eingebunden würde, werde erst die Netzplanung zeigen. Diese Planung des ganzen Tramnetzes wird momentan von der Regionalkonferenz Bern-Mittelland erarbeitet. Als die Berechnungen gemacht wurden, war noch nicht klar, ob das Ostermundigen-Tram in der kantonalen Volksabstimmung bewilligt würde. Im später verfassten Teil der ZMB wird denn auch die Verknüpfung eines Länggass- mit dem Ostermundigen-Tram als geeignete Option bezeichnet. (st)

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