Im Oberfeld wird die Zukunft gelebt

Bern verspricht sich von der Überbauung des Viererfelds einen Entwicklungsschub für die Stadt - etwa so wie beim neuen Quartier auf dem Oberfeld in Ostermundigen.

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Lisa Stalder

Eigentlich unterscheidet sich die Einstellhalle der Wohnbaugenossenschaft Oberfeld in Ostermundigen kaum von anderen Tiefgaragen: Beton, schummriges Kunstlicht, kühle Luft und die Decke voller Lüftungsrohre.

Einzig die Parkplatzmarkierungen am Boden sucht man vergeblich. Diese sind aber auch nicht nötig, denn hier werden keine Autos, sondern nur Velos, Veloanhänger und Trottinette abgestellt – dort, wo es gerade Platz hat. Die Genossenschaftssiedlung ist autofrei. Wer hier einziehen will, verpflichtet sich, auf ein eigenes Auto zu verzichten.

Als Berns Stadtrat im März über die geplante Überbauung des Viererfelds in der Länggasse debattierte, ging es auch um Parkplätze. Ein Parkplatz pro Wohnung? Ein halber? Oder noch weniger?

Ideologische Diskussionen zur Autofreiheit hätten die Mitglieder der Wohnbaugenossenschaft Oberfeld während der Planungsphase auch geführt, sagt Judith Hangartner, Co-Präsidentin der Wohnbaugenossenschaft, während eines Rundgangs mit dem «Bund». Inzwischen sei das Thema für die Bewohnerinnen und Bewohner aber «eine pragmatische Angelegenheit».

Und: Für die Wahl der Siedlung seien vielmehr die ökologische Holzbauweise, die Energieeffizienz oder die Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen der Genossenschaft entscheidend gewesen. Ausserdem, sagt Hangartner und zeigt Richtung Osten, sei die ÖV-Erschliessung des Oberfelds sehr gut. Zudem seien Schulen und Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe.

Heute dichter und höher

Autofrei heisse zudem nicht, dass die Bewohnerinnen und Bewohner ganz auf ein Auto verzichten müssten, sagt Hangartner. Gleich neben der Siedlung stehen Mobility-Autos zur Verfügung. Diese würden auch regelmässig benutzt – sei es für einen Grosseinkauf, einen Umzug oder auch für einen Ausflug.

«Wir sind keine Dogmatiker, die anderen unsere Lebensweise aufzwingen wollen», sagt Hangartner. Sie habe jeweils auch nur ein müdes Lächeln übrig für die Erklärungen von Besucherinnen, weshalb sie mit dem Auto angereist seien. «Das soll jeder für sich selber entscheiden.» Zudem stünden genau deshalb zehn Besucherparkplätze zur Verfügung.

Dieser Meinung ist auch Peter Frey, der im Vorstand der Wohnbaugenossenschaft sitzt. Er stammt aus Graubünden, wo er ein Auto besass und viel damit unterwegs war. «In Bern habe ich das Auto nie vermisst; hier habe ich ein Velo, und bei schlechtem Wetter nehme ich den Bus und die S-Bahn.» Für ihn sei klar, dass die Lebensqualität zunehme, wenn die Anzahl Autos abnehme.

Gerade für die Kinder sei die Situation in der Siedlung paradiesisch. Frey ist überzeugt, dass Wohnformen wie jene auf dem Oberfeld zunehmen werden. Bereits heute besitze mehr als die Hälfte der Familien in der Stadt kein Auto. «0,5 Parkplätze pro Wohnung sind daher fast zu viele», sagt Frey, auf die Viererfeld-Abstimmung angesprochen.

Für Gemeindepräsident Thomas Iten (parteilos) ist das Oberfeld eine Erfolgsgeschichte. «Das Quartier hat Ostermundigen spürbar verändert.» Diese Veränderung mache sich in der Bevölkerungsstruktur bemerkbar, was den Gemeindefinanzen zugutekomme.

«Ohne die Neuzuzüger wären unsere Finanzen noch viel schlechter.» Dazu hätten nicht zuletzt die Bewohner der autofreien Siedlung beigetragen, die zuvor grösstenteils nicht in der Gemeinde gelebt hätten.

All dem Lob zum Trotz: Iten glaubt, dass heute anders gebaut würde – «höher und dichter». Zudem geht er davon aus, dass der autofreien Siedlung heute eine grössere Fläche zur Verfügung gestellt würde. «Die Erfahrung mit der Wohnbaugenossenschaft hat gezeigt, dass die Nachfrage nach dieser Wohnform gross ist.»

Dennoch möchte Iten nicht, dass nur noch autofrei gebaut wird. Auch wenn sich das Mobilitätsverhalten verändern werde: «Autos werden immer eine Rolle spielen.»

Oase zwischen Garagen?

Dieser Ansicht war auch der damalige Gemeinderat, als er vor über zehn Jahren die neue Baurechtsordnung ausarbeitete. Er wollte autofreies Wohnen zwar ermöglichen, zur Vorschrift machte er es aber nicht. «Wir wollten mögliche Investoren nicht allzu sehr einschränken», sagt der damalige Gemeindepräsident Christian Zahler (SP). Es sei im Sinne der politischen Behörden und Parteien gewesen, dass schnell neuer Wohnraum geschaffen würde.

Das Stimmvolk sah es auch so und nahm die Baurechtsordnung mit einem Ja-Stimmenanteil von fast 80 Prozent an. Zahler betont, dass es sicher «ein grosser Vorteil» war, dass es sich beim Oberfeld nicht um eine kostbare Grünfläche handelte. Argumente wie jetzt bei der Viererfeld-Vorlage seien beim Oberfeld damals keine zu vernehmen gewesen.

Elf Jahre nach der Abstimmung ist das Oberfeld noch nicht fertig bebaut, im südlichen Teil entstehen weitere Mehrfamilienhäuser. Möglich ist, dass dereinst die Fussballfelder umgezont und überbaut werden. So könnte der Siedlungsraum weiter ausgedehnt werden, liess Gemeindepräsident Iten verlauten.

Judith Hangartner geht über den Märit, der jeden Freitag auf dem Areal der autofreien Siedlung stattfindet und auch Leute aus Nachbarsiedlungen anlockt. Sie glaube eher nicht, dass die Siedlung ausgebaut wird. Sie befürchtet, dass die Genossenschaftssiedlung durch die Fertigstellung des restlichen Quartiers unter Druck gerate und zur «autofreien Oase inmitten von Zufahrtsstrassen, Parkplätzen und Tiefgaragen» werde.

Der Bund

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