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«Im Nachhinein frage ich mich, ob ich mir den Ärger nicht hätte sparen können»

Christian Pauli, abtretender Präsident der Berner Kulturveranstalter (Bekult), über die Konflikte mit Kultursekretärin Veronica Schaller.

«Mehr Mut und Dynamik», wünscht sich Christian Pauli für die Kulturstadt.
«Mehr Mut und Dynamik», wünscht sich Christian Pauli für die Kulturstadt.
Franziska Rothenbühler

Christian Pauli, nun redet die Schweiz wieder über die Reitschule. Nervt es, das Kulturzentrum immer wieder verteidigen zu müssen? Nein, das gehört zum Ritual, und das ist auch gut so. Gerade durch die stete Auseinandersetzung ist die Reitschule das wichtigste oder sagen wir profilierteste Kulturzentrum Berns. Was mich aber nervt, ist die eindimensionale Berichterstattung gerade der Berner Medien, die die kulturelle Bedeutung der Reitschule und die gesellschaftliche Dimension der Ausschreitungen verkennt. Auch diese Verkürzung der Diskussion auf die Gewalt ist freilich ein Ritual geworden. Auf diese Aspekte haben wir von Bekult immer wieder hingewiesen.

Nachdem bekannt wurde, dass die Kultursekretärin länger im Amt bleiben will, haben Sie Ihren Rücktritt bei Bekult bekannt gegeben. Gibt es da einen Zusammenhang? Nein, damit hat das überhaupt nichts zu tun. Ich habe meinen Rücktritt schon vor einem Jahr intern angekündigt. Nach so vielen Jahren erscheint es mir sinnvoll zurückzutreten: Mit dem neuen Stadtpräsidenten kann neuer Wind in die Kulturpolitik kommen. Gewisse Sachen sind mir zunehmend auf den Geist gegangen – etwa das schwierige Verhältnis zur Abteilung Kulturelles.

Sie gelten als Veronica Schallers lautester Kritiker. Haben Sie die Kultursekretärin vielleicht auch mal zu laut kritisiert? Das habe ich mich schon auch gefragt. Ich habe eine Rolle gespielt, als Sprachrohr von Bekult und der Kulturszene. Man hat mich immer wieder bestärkt, diese Rolle des Kritikers zu spielen. Die Verhärtung der Fronten war ja allerdings nie in meinem und im Sinne von Bekult. Im Nachhinein frage ich mich schon, ob ich mir nicht den Ärger hätte sparen können.

Bekult hat immer wieder eine Kulturstrategie gefordert, jetzt ist sie da. Was halten Sie davon? Die mehr als sechzig vorgeschlagenen Massnahmen im Papier sind ziemlich viele. Jetzt ist es noch zu früh zu sagen, ob unter dem Strich aus dem Paket etwas wird oder nicht. Die Frage ist, was dann auch umgesetzt wird. Ich persönlich hätte mir eine einfachere Strategie vorgestellt. Im Bewusstsein, dass man gewisse Sachen nicht macht, weil man nicht alles machen kann. Zudem finde ich es nach wie vor eigenartig, dass man in der Strategie nicht über Geld spricht und nicht über die grossen Institutionen. Da hat offenbar der Mut gefehlt.

Die Strategie sieht auch eine neue Online-Agenda für Veranstaltungen vor. Wenn dies so wichtig ist, warum hat Bekult es nicht selber gemacht? Eine Datenbank übersteigt unsere Möglichkeiten. Der Verein mit 70 Mitgliedern spielt zwar eine wichtige Rolle in der Kulturpolitik, auf der anderen Seite aber haben wir sehr beschränkte Mittel und Ressourcen. Wir haben mit der Abteilung Kulturelles einst darüber gesprochen, Bekult zu professionalisieren, um zum Beispiel solche Projekte übernehmen zu können. Das ist auf null Interesse bei der Stadt gestossen.

Sie waren sieben Jahre an der Spitze von Bekult. Was haben Sie erreicht? Im Rückblick sehe ich dies: 2011 haben wir zur Abstimmung über die Finanzierung der grossen Kulturinstitutionen einen gemeinsamen Brief verfasst und an einem Strang gezogen. Seit 2011 haben wir fünfmal einen Gurtengipfel organisiert und so Kulturdebatten angestossen und Vernetzungen gefördert. Wir haben 2012 die Nachtleben-Debatte um die kulturelle Dimension erweitert, und wir haben vehement die Erarbeitung einer Kulturstrategie eingefordert. Letztes Jahr schliesslich, vor den Wahlen, haben wir zehn Thesen zur Kulturpolitik vorgelegt, an denen sich der Stadtpräsident nun messen lassen muss.

Sie meinen etwa die Forderung nach der Offenlegung der Kaderlöhne? Ja, zum Beispiel, wobei diese Forderungen nicht von allen Mitglieder des Bekult-Vorstandes geteilt wird. Ich finde das o. k.: In einem solchen Verband sollen und dürfen Meinungsverschiedenheiten sein. Ich allerdings habe mich mit dieser Idee bei den grossen Institutionen wohl schon ein bisschen diskreditiert.

Was wurde kritisiert? Die Forderung wurde als anmassend empfunden. Vielleicht haben wir auch nicht alles geschickt formuliert. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man darüber reden sollte, wie auch über die Idee, dass gewisse Programmteile im Austausch mit anderen Akteuren oder Bevölkerungskreisen zustande kommen könnten.

Ist es überhaupt möglich, dass 70 Kulturveranstalter die gleichen Interessen haben? Ja, insbesondere den Wunsch, der Kulturstadt mehr Mut, Dynamik, Farbe und Sichtbarkeit verleihen zu wollen, teilen alle. In der monetären Kulturförderung sind die Interessen dann teilweise verschieden, weil man an denselben Töpfen hängt. Da befindet man sich in Konkurrenz.

Im Herbst haben Sie für den Stadtrat kandidiert. Wollten Sie in die Politik, weil Sie dachten, zu wenig mit Bekult erreichen zu können? Nein, wie gesagt, ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, das Bekult-Präsidium abzugeben, und habe nach einer anderen Aufgabe gesucht. Die Kulturpolitik und die Stadt interessieren mich nach wie vor, ich habe die Stadt gerne und es gäbe einiges zu verbessern. Es täte dem Stadtrat gut, wenn er mehr Mitglieder hätte, die eng mit der Kulturszene verbunden sind.

Werden Sie den Einstieg in die Politik erneut versuchen? Nein, das ist für mich gelaufen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es mir in dem Rat wohl gewesen wäre.

Was erwarten Sie vom neuen Stadtpräsidenten punkto Kulturpolitik? Ich wünsche mir einen Stadtpräsidenten, der an kulturellen Anlässen vermehrt sichtbar ist und die Lust und Freude an Kultur vorführt. Er soll das Potenzial der Kunst schätzen, dass sie auch aus den Bahnen ausbrechen kann, unkorrekt ist, Fragen stellt und auch mal versagt.

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