Im besten Fall entsteht eine Freundschaft

Im Mattenhof vermittelt das Kompetenzzentrum Alter der Stadt Bern älteren Menschen Nachbarn für kleine Hilfestellungen. Von den Kontakten profitieren aber auch die Jungen.

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Es dauert nicht lange, bis Ulrich Weber unter den 34 Klingeln diejenige der Familie Ryser findet. Er will mit Simon Ryser Schach spielen. Die beiden Senioren sind einander von der Nachbarschaftshilfe Bern vermittelt worden. Nun treffen sie sich zum ersten Spiel.

Oben steht Ryser im engen Gang und wartet auf den Gast. Man begrüsst sich förmlich und bleibt vorerst beim Sie. Rysers Frau hat den Esstisch in der Stube mit Kaffee und Güezi gedeckt. Auch die Schachtel mit dem Schachspiel steht schon da. «Es ist ein altes», sagt Ryser, während er die Schachtel öffnet. Er habe das Spiel von seinem Vater geerbt. Die beiden Männer lassen Kaffee und Süssigkeiten unberührt. Sie wollen gleich mit dem Spiel beginnen. «Ich habe seit 40 Jahren nicht mehr Schach gespielt», sagt Weber und stellt seine Figuren zügig auf das Brett.

Gegen die Vereinsamung

Das Spiel beginnt. Stumm verschieben die beiden älteren Herren ihre Figuren. Nur das langsame Ticktack der Pendule ist in der Stube zu hören. Ab und zu huscht ein verschmitztes Lächeln über Rysers Gesicht, bevor er einen Zug tätigt. Manchmal gelingt es ihm nicht, die Figur auf den richtigen Platz zu stellen – der pensionierte Jurist hat seit Geburt eine Cerebralparese. Dann greift Weber über das Brett und stellt die gegnerische Figur auf das gewünschte Feld. Er spielt mit Pokerface. Und schon bald ist er in Führung. Früher habe er nächtelang mit seiner Frau und Freunden Gesellschaftsspiele gespielt, erzählt der ehemalige Werber. «Schachmatt», sagt er und schnappt sich Rysers König.

Drei Stunden pro Woche helfen

Die Nachbarschaftshilfe ist ein dreijähriges Pilotprojekt der Stadt Bern und der Age-Stiftung im Stadtteil III. Das Projekt soll Menschen zusammenbringen. Solche, die Zeit haben, mit jenen, die Hilfe benötigen. Über ein Online-Formular oder per Telefon können sich sowohl Freiwillige als auch Unterstützungsbedürftige anmelden. Sie geben an, was sie gerne tun möchten.

Die Auswahl reicht von kleinen Hausarbeiten über Spaziergänge, Spiele, das Hüten von Tieren oder Kindern bis hin zu grösseren Ausflügen. Der Aufwand sollte drei Wochenstunden nicht überschreiten. Und die Einsätze sollten möglichst regelmässig stattfinden. Doch Projektleiterin Simone Stirnimann ist nicht stur. So habe ein alter Mann beim Umzug ins Altersheim kurzfristig Hilfe beim Auspacken der Kisten benötigt. Sie konnte ihm auch für diesen einmaligen Einsatz eine Helferin vermitteln. Das Projekt geht auf eine Idee des Seniorenrats und des Kompetenzzentrums Alter zurück. Man wolle damit der Vereinsamung alter Menschen entgegenwirken, sagt Susy Balsiger. Die gesellige 82-Jährige ist noch bis Ende Jahr Mitglied des Rats. Heute nimmt sie am Projekt teil. An guten Nachbarn fehlt es ihr allerdings nicht. Die Witwe lebt im Zweigenerationenhaus ihrer verstorbenen Schwiegereltern. Ebenfalls im Haus wohnen ihre Enkelinnen mit Studienfreundinnen in einer WG. Als ehemalige Stadträtin kennt Balsiger noch heute viele Menschen. Bei der Nachbarschaftshilfe habe sie sich aus Neugier gemeldet, sagt sie. «Ich war skeptisch, ob das funktioniert.»

«Etwas Sinnvolles machen»

Nun erhält Balsiger einmal pro Woche Besuch von der 44-jährigen Postbotin Brigitte Berisha. Dann machen die beiden Frauen einen kurzen Spaziergang durch den Friedbühl und trinken anschliessend zusammen einen Tee. Sie habe einen «bösen Rücken», sagt Balsiger. Sie müsse sich bei jemandem einhängen, um spazieren zu können. Immer wieder winken vorbeifahrende Velofahrer und grüssen Quartierbewohner. Während Balsiger plaudert, dieses und jenes erzählt und mal hier, mal dort grüsst, geht Berisha ruhig neben ihr her und hört zu.

Sie lebe allein, erzählt Berisha und als Postbotin habe sie jeweils nachmittags Zeit, etwas zu unternehmen – dann, wenn die meisten Berufstätigen noch arbeiten. Darum habe sie sich nach einem sozialen Engagement umgesehen. «Ich wollte etwas Sinnvolles machen.» Als sie von der Nachbarschaftshilfe erfahren habe, habe sie sich gemeldet. «Für mich sind die Treffen mit Susy schön», sagt Berisha. Durch die Spaziergänge mit Balsiger lerne sie das Quartier, in dem sie lebe, besser kennen.

Die Nachbarschaftshilfe ist noch in der Anfangsphase. Im letzten September vermittelte Simone Stirnimann die ersten Nachbarn kurz nach der Lancierung des Projekts. Seither haben sich 14 sogenannte Tandems gebildet. Weitere werden im Januar starten. Einige haben sich bereits wieder aufgelöst, etwa weil die ältere Person ins Altersheim gezogen ist. Andere können sich jederzeit verändern, zum Beispiel, weil eine stellensuchende Person eine neue Stelle antreten kann.

«So kommt Leben ins Haus»

Dies könnte in der Jassgruppe von Gottfried Keller schon bald geschehen. Jeden Mittwochnachmittag erhält der 90-Jährige Besuch von Thomas Vogt und Laura Bally. Beide sind auf Stellensuche. Er habe sich bei der Nachbarschaftshilfe gemeldet, weil er nun mehr Zeit als üblich habe, sagt Vogt. «Ich wollte jemanden kennen lernen, der andere Lebenserfahrungen gemacht hat als ich.» Der 26-jährige hat das Bankenwesen studiert. Keller war im Werkhof zuständig für das Entsorgen giftiger Abfälle, und Bally ist Soziologin.

Die drei sind unterdessen ein eingespieltes Team. Dass sie bloss zu dritt sind, macht ihnen nichts aus, obwohl sie gerne einen vierten Spieler in der Runde hätten. Keller geniesst den Besuch der jungen Leute sichtlich. «So kommt etwas Leben ins Haus», sagt er. Die selbst gebaute Eisenbahnanlage hat er seinen Gästen schon längst vorgeführt und auch den sprechenden Stoffpapagei oder die Wanduhrensammlung. Zur vollen Stunde tickt und zwitschert es in der Wohnung. Ja, sogar ein Zug scheint loszufahren.

Die Frau und der Sohn seien ihm weggestorben, sagt Keller. «Meine einzigen lebenden Verwandten wohnen in Deutschland.» Trotz des harten Schicksals wirkt er nicht verbittert. Bally wie Vogt schätzen die Besuche bei Keller ebenso sehr wie dieser. «Es ist ein Glücksfall, dass ich Gottfried kennen gelernt habe», sagt die 34-Jährige. Langsam entwickle sich eine Freundschaft mit den beiden Jasspartnern, und «Gottfried ist vielleicht sogar eine Art Ersatzgrossvater für mich».

Wer in den Quartieren Holligen, Mattenhof, Monbijou, Sandrain, Weissenbühl oder Weissenstein wohnt und ebenfalls mitmachen möchte, kann sich telefonisch oder online anmelden: 031 321 76 50 oder www.nachbarschaft-bern.ch

(Der Bund)

Erstellt: 24.12.2016, 08:54 Uhr

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