Architektur soll Kindern Augen öffnen

Um sehen zu lernen, wie die Welt um sie herum gebaut und geplant ist, bietet das Kindermuseum Creaviva im Zentrum Paul Klee ab heute auch Architektur-Workshops für Schulklassen an.

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Als Kind hat Aaron zwar mit Seilen Brücken gebaut. Doch darüber, was es benötigt, damit ein Brückenbogen nicht zusammenfällt, hatte sich der Burgdorfer Gymnasiast nie Gedanken gemacht. Und damit erst recht auch nicht dazu, weshalb Menschen überhaupt Brücken bauen. «Nun müssen wir von beiden Seiten sachte zusammendrücken», ruft Kollegin Andrina dazwischen. «Diskutieren können wir später.»

Dann, langsam, erheben sich die auf dem Tisch ineinander verflochtenen Kartonstreifen. Schliesslich bilanziert Andrina nicht ohne Stolz: «So eine Brücke ist eben Teamarbeit.» Mehr als das Eigengewicht vermag das Konstrukt aber nicht zu tragen. Als Yannick, der dritte im Bund, zum Test ein Japanmesser darauf legt, bricht die Kartonbrücke sofort in sich zusammen.

«Nicht kleine Architekten»

Lehrerin Annette Rhiner besuchte gestern Morgen mit ihrer Klasse im Fach Bildnerisches Gestalten (BG) als erste den neuen Workshop «saper vedere – sehen lernen» im Creaviva-Kindermuseum des Zentrums Paul Klee in Bern. «Im BG-Modul ‹Architektur und Produkte-Design› ist es wertvoll, wenn Schüler direkt von Profis lernen», sagt Rhiner. «Zudem bin ich gerne dabei, wenn neue Verschränkungen zwischen mehreren Kunstformen, wie in diesem Fall Malerei und Architektur, ausprobiert werden.»

Mit dem neuen Workshop wolle das Creaviva jedoch «nicht kleine Architektinnen und Architekten ausbilden», sondern «Kinder und Jugendliche sprichwörtlich zum ‹Sehen-Lernen› anleiten», sagt Creaviva-Leiter Urs Rietmann. «An diesem architektonisch aussergewöhnlichen Ort kann der Blick für spezifische Fragen und Aspekte von Raum, Form, Farbe, Licht, Rhythmus oder Material auf spielerische Art bestens geschärft werden.»

«Eine einmalige Chance»

Selbstverständlich gehörten zu jedem Workshop auch ein Spaziergang in die Umgebung und ein Besuch der Ausstellung. «An einem Bild von Paul Klee lässt sich die Architektur nämlich sehr gut erklären», so «saper-vedere»-Projektleiter Boris Szélpal. Weil drei, vier Stunden Workshop im Creaviva zur Behandlung des Themas allein jedoch niemals ausreichten, gebe es auch Vor- und Nachbereitungsblätter für Lehrkräfte.

«Eigentlich sollte sich jedes Kind mit Architektur und Städteplanung auseinandersetzen», kommentiert Riklef Rambow von der Technischen Universität Cottbus (D), bis vor kurzem einziger Architekturvermittlungs-Professor im deutschsprachigen Raum. «Nur so können die Bürger später die ihnen zustehende Qualität bei Planungen und Bauten einfordern.» Bern mit seinem Unesco-Welterbe und das Creaviva-Kindermuseum mit dem neuen Workshop bildeten «eine einmalige Chance».

Darum baut man Brücken

Lob für die neue Architekturvermittlung kommt auch von Alexander Tschäppät, der sich seit Jahren um städtebauliche Diskussionen bemüht. «Weil Architektur in hohem Mass unser Leben und Empfinden bestimmt, sollten wir uns dafür auch interessieren», warb der Stapi bei der Workshop-Eröffnung. Solange es kein eigenes Schulfach sei, bestehe nun zumindest die Möglichkeit, dass Lehrer das Thema im Creaviva aufarbeiteten.

Inzwischen neigt sich der erste «saper vedere»-Workshop zu Ende. Die Kartonteile fürs Brücken-Experiment werden weggeräumt und Boris Szélpal blickt mit den Schülern zurück. «Was habt ihr gelernt?», will der Architekt und Architekturvermittler wissen. «Durch Spannung hält die Brücke», sagt Lea. Stefan ergänzt: «Sie ist schnell aufgebaut und sieht wegen ihrer Schlichtheit schön aus.» Laut Szélpal stammt die Idee fürs Karton- modell von einer Kriegsbrücke aus Holzstämmen von Leonardo da Vinci. Dass sie auch 500 Jahre danach aktuell ist, sei ein gutes Beispiel dafür, wie zeitlos Architektur und Design sein könnten.

Der Bund

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