Idealistisches Reste-Essen

Die Äss-Bar will ab März in der Marktgasse Backwaren verkaufen, die bereits einen Tag alt sind.

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Martin Erdmann@M_Erdmann

Raoul Stöckle vermittelt nicht gerade das typische Bild von einem, der Lebensmittelverschwendung an vorderster Front bekämpft. In Anzug und Krawatte sitzt er im Starbucks am Hirschengraben und redet über Kundensegmente, Expansionspläne und Eigenkapitalrendite. Er hat 2013 mit drei Kollegen die Äss-Bar GmbH in Zürich gegründet, ein Lokal, das Bäckereien Waren abnimmt, die nach Ladenschluss im Müll landen würden, um sie am nächsten Tag zu reduziertem Preis zu verkaufen.

Die Businessidee, wie es Stöckle nennt, hat in Zürich eingeschlagen. Das Geschäft läuft so gut, dass am 5. März eine Berner Filiale an der Marktgasse 19 öffnen soll. Wie viel Idealismus steckt denn hinter dem florierenden Geschäft? «Nachhaltigkeit steht bei uns an erster Stelle», sagt Stöckle. Er und seine Kollegen haben alle noch andere Jobs und betreiben die Äss-Bar GmbH als «sehr intensives Hobby». Andere würden ihr Geld für teure Autos oder Skiferien ausgeben, bei ihnen läuft es in den Kampf gegen den Foodwaste.

Wieso eröffnet man den ersten Äss-Bar-Ableger ausgerechnet in Bern? Stöckle nennt mehrere Gründe. «Wir brauchen eine gewisse Bevölkerungsdichte. In einem Dorf würde das Konzept nicht funktionieren. Zudem glauben wir, dass Bern von der Mentalität her ein guter Standort für uns ist.» Doch am wichtigsten sei es, Leute vor Ort zu finden, die von der Idee so begeistert sind, dass sie Zeit und Geld darin investieren wollen. Mit Simon Weidmann, Franziska Güder und Geo Taglioni wurde man in Bern fündig.

Die Wehmut der Bäcker

Simon Weidmann ist davon überzeugt, dass die Äss-Bar auch in Bern Erfolge verbuchen kann. An Lieferanten fehle es nicht. Bis jetzt mit dabei: Glatz, Reinhard, Eichenberger, Ängelibeck und Bread à porter. Wie schwierig ist es denn, den Bäckereien ihre überflüssige Ware abzunehmen? «Bei den grösseren Unternehmen mussten zwar einige Koordinationsfragen geklärt werden, doch wir wurden uns mit allen sofort einig», sagt Weidmann.

Zwar zahlt die Äss-Bar nichts für die übrig gebliebenen Produkte, doch werden die Lieferanten am Verkauf beteiligt. Das sei aber nicht der einzige Grund, dass diese der Äss-Bar unter die Arme greifen. «Den Bäckern tut es doch auch weh, wenn ihre Ware, für deren Produktion sie mitten in der Nacht aufstehen, einfach fortgeworfen wird. Bei uns finden sie vielleicht doch noch einen Käufer.»

Reste für immer

Laut Raoul Stöckle werfen Bäckereien rund acht Prozent ihrer Ware fort. Er glaubt, dass die Äss-Bar diese Zahl hinunterdrücken könne. «Wenn uns eine Bäckerei täglich fünf Nusstorten liefert, dann fragen wir diese, ob es sinnvoll ist, jeden Tag so viele Nusstorten zu backen.» So könne die Produktion optimiert werden. Dennoch gibt es Grenzen. «Es ist schier unmöglich, unter drei Prozent zu kommen. Reste wird es immer geben.»

So auch bei der Äss-Bar. Aus Zürich weiss Stöckle, dass rund zehn Prozent des Angebotes liegen bleibt. Das habe mit der schweizerischen Einkaufsmentalität zu tun. «Wenn es gegen Ladenschluss geht, ist nur noch wenig in den Vitrinen. Viele Kunden laufen dann gleich wieder hinaus.» In der Schweiz sei man sich gewohnt, eine gewisse Auswahl zu haben. Die Waren, die auch nach zwei Tagen keinen Käufer gefunden haben, würden bei Bauern als Tierfutter oder in einer Biogasanlage laden.

Der Bund

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