«Ich wohne seit 20 Jahren im Hotel»

Von Obdachlosen, Altersheimbewohnerinnen und Dauergästen im Hotel. Ein szenischer Stattland-Rundgang gewährt dem Publikum Einblicke in aussergewöhnliche städtische Wohnformen.

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«Folgt immer den blauen Lichtern und schaut, dass niemand verloren geht», so die Anweisung an die Stattland-Teilnehmer. Alle erhalten einen Kopfhörer, über den Tonaufnahmen von Interviews zu hören sind, und tauchen ein in die Welt der nahen Anwohner. Zum Beispiel in jene eines Deutschen, der seit drei Jahren im Viersternhotel Kursaal wohnt: «Ich wohne jeweils von Sonntag bis Donnerstag hier.» Er geniesst die Freiheit, tun und lassen zu können, was er will. Bern ist nicht seine erste Station. Aus beruflichen Gründen wohnt er schon seit 20 Jahren in Hotels.

Vogelgezwitscher statt Luxus

Die Tonaufnahmen vermischen sich mit der Realität, als die Gruppe vom Portier durch die goldfarben tapezierten Gänge in das Hotelzimmer des Dauergasts geführt wird. Der Track ist zu Ende, man schweigt sich in der plötzlichen Stille peinlich berührt an. Da betritt eine Hotelangestellte den Raum und sucht nach einem USB-Stick, den der Gast vergessen hat. Es wird klar, dass es sich um eine Schauspielerin handelt. «Diskretion geht über alles», sagt sie. Das gelte auch für Unkomplizierte wie den deutschen Dauergast. Freundlich bedanke er sich jeweils für Aufmerksamkeiten wie Mineralwasser und Salznüsse.

Draussen angelangt, ertönt in der Tonaufnahme die Stimme eines Obdachlosen, der nicht in geschlossenen Räumen leben will. «Drinnen wohnen könnte ich nicht, da hört man kein Vogelgezwitscher», sagt er. Auch eine Altersheimbewohnerin kommt in der Aufnahme zu Wort, während man den blauen Lichtern rund um den Kursaal folgt: «Ich vermisse meinen Schreibtisch.» Früher habe sie viel geschrieben. Sie sei froh, genug Platz für die selbst gemalten Bilder ihrer Enkelkinder zu haben.

Co-Leiterin Irene Müller sagt, dass dieses Projekt «ein richtiges Theaterprojekt ist». Normalerweise sei ein einziger Schauspieler für eine Führung von Stattland zuständig. Diesmal erwarteten die Gäste fünf Schauspieler an fünf Standorten. Das Team habe während zweier Jahre 15 Stunden Interviewmaterial von Menschen in unterschiedlichsten Lebens- und Wohnformen ausgewertet, sagt sie.

Die Gruppe platzt in den inszenierten Dreh eines Promospots für eine Luxussiedlung. Angebliche Gentrifizierung in der Lorraine: Wo einst Arme, Arbeitslose, Ausländer und Alternative wohnten, stiegen heute die Mieten ins Unbezahlbare. «Die Centralweg-Brache ist ein aufgeladener Ort», sagt Müller. Hier habe sich das Quartier erfolglos für günstigen Wohnraum eingesetzt. Anfang 2018 hat Regierungsstatthalter Christoph Lerch dem Projekt Baumhaus nach fünf Jahren eine Baubewilligung erteilt.

Suchtkranke im Altersheim

In der Wohnküche des Alters- und Pflegeheims Lorrainehof wärmen sich die Stadtspaziergänger bei einem Tee auf. «Hier haben 60 Menschen ein neues Zuhause gefunden», so die Pflegerin in der Theaterszene. Auch Vierzigjährige lebten hier, die wegen psychischer und physischer Beeinträchtigungen nicht mehr selbstständig seien, etwa wegen Suchtproblemen. Ein Heimbewohner gesellt sich zur Gruppe. Eine andere Eingeladene winkt ab: «Nenei, du . . . Dir, das isch nüt für mi.» Von Aktivierung halte sie wenig. Bevor die Gruppe weiterzieht, lässt sie sich aber dennoch auf einen kurzen Schwatz ein und verrät, dass es ein bezahlbares Heim sei. Das Personal serviere jedoch für ihren Geschmack das Abendessen zu früh und räume die Tische stets etwas schnell ab. «Ich verstehe jedoch, dass die auch mal Feierabend haben wollen», sagt sie.

«Nirgendwo mehr als hier», 2., 3., 8.–10. Februar, Information und Anmeldung: www.stattland.ch

DerBund.ch/Newsnet

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