«Ich weiss diese Dinge sehr wohl zu unterscheiden»

Pierre Alain Schnegg ist Mitglied einer Freikirche mit rückständigem Image. Er betont die Modernisierung.

Sein Glaube sei bei all seinen beruflichen und politischen Tätigkeiten «bisher noch nie ein Thema» gewesen, sagt Pierre Alain Schnegg.

Sein Glaube sei bei all seinen beruflichen und politischen Tätigkeiten «bisher noch nie ein Thema» gewesen, sagt Pierre Alain Schnegg.

(Bild: Valérie Chételat)

Dölf Barben@DoelfBarben

Es ist nach dem ersten Wahlgang beiläufig bekannt geworden. Pierre Alain Schnegg, Regierungsratskandidat der SVP, ist Mitglied der Gemeinde für Christus (GfC). Dies ist die heutige Bezeichnung für den Brüderverein. Die 1909 gegründete Freikirche gilt als Paradebeispiel einer rückwärtsgewandten Gemeinschaft (Text unten).

Ihre Glaubensgrundsätze klingen aus weltlicher Sicht radikal. Es stellt sich inbesondere die Frage, wie sich Schneggs religiöse Überzeugungen und seine wertkonservative Haltung, die sich aus dem Smartvote-Profil ablesen lässt, mit einer allfälligen Übernahme der Gesundheitsdirektion vereinbaren liesse. Dort stehen laufend Entscheidungen an, die in moralisch-ethischer Hinsicht sensibel sind. Kurz: Wie kann das zusammenpassen, ein Regierungsamt und das Bekenntnis zu einer Freikirche, die den fundamentalistischen Sondergruppen zugeteilt wird?

Er habe es stets verstanden, Glaube, Beruf und Politik auseinanderzuhalten, sagt Schnegg. Glaube sei Privatsache, in einer liberalen Gesellschaft stehe es jedem Menschen frei, zu glauben, was er wolle. Politik dagegen sei etwas Öffentliches. «Ich weiss sehr wohl, diese beiden Dinge zu unterscheiden.» Zudem habe die GfC sich modernisiert. Die oft zitierten Vorschriften seien überholt. «Sie beschreiben eine Situation, wie sie sich vor 50 Jahren präsentierte», sagt er.

Die Umbenennung des Brüdervereins in Gemeinde für Christus stehe für einen grundlegenden Wandel. Es sei deshalb nicht korrekt, wenn jetzt veraltete Informationen ins Feld geführt würden. Was die Schule betreffe, so könne er sich nicht erinnern, seinen Kindern je einmal etwas nicht erlaubt zu haben. «Im Gegenteil», sagt Schnegg. Er habe selber Skilager organisiert, und ein paarmal sei er sogar selber mitgegangen.

Selbstverständlich gebe es Dinge, die er persönlich nicht befürworte. Massgeblich aber seien die Gesetze. Wenn etwas erlaubt sei, das er persönlich ablehne, «dann akzeptiere ich das». Er hüte sich jedoch davor, über jemanden zu urteilen, der etwa Drogen konsumiere. «In meinem Gegenüber sehe ich stets den Menschen, den ich so annehme, sogar wertschätze, wie er ist – und dies eben gerade aufgrund meiner christlichen Grundhaltun.»

Für ihn sei Gott wichtig, sagt Schnegg. Zweifellos beeinflusse sein Glaube sein Verhalten und präge seine Haltungen. Aber er sei nicht Politiker wegen des Glaubens. «Politisch engagiere ich mich für die Menschen, für die Region, für den Kanton.» Als Regierungsrat würde er sich klar für das Gemeinwohl einsetzen, so, wie es der amtierende Grossratspräsident auch tue. Schnegg spricht EVP-Grossrat Marc Jost an, der ebenfalls in freikirchlichen Kreisen verankert ist. Und er verweist auf seine Tätigkeiten, zum Beispiel als Verwaltungsratspräsident der bernjurassischen Spitäler: «Mein Glaube war noch nie ein Thema.»

Schnegg hat in der GfC kein Amt inne. Seit zwei Jahren präsidiert er jedoch das mit der GfC in Verbindung stehende Missionswerk MSD – Medien, Schriften, Dienste. Dieses operiert von Frutigen aus und will bei der Verbreitung des Evangeliums mithelfen. Dieses Präsidium nehme nur sehr wenig Zeit in Anspruch, sagt Schnegg. Im Falle einer Wahl würde er es aber abgeben.

Ringen um «gangbaren Weg»

Daniel Houmard, vollamtlicher Prediger der GfC, lebt wie Pierre Alain Schnegg in Champoz. Das Haus steht am Sonnenhang. Auch er betont, wie sehr sich die Gemeinschaft in den letzten 50 bis 60 Jahren modernisiert habe. Man wolle den biblischen Werten wie Friede, Liebe und Respekt treu bleiben, sagt er, «aber wir müssen einen gangbaren Weg finden». Für ihn ist klar: In der heutigen Zeit würde es gar nicht mehr funktionieren, den Kindern alles verbieten zu wollen. Familie Houmard sieht es an den beiden eigenen Söhnen.

Der eine arbeitet an einer Bibelschule in Australien. Der andere studiert Jurisprudenz – und hat sich von der GfC abgewendet. Houmard sagt von sich selber, er fühle sich den biblischen Anweisungen verpflichtet, betrachte sich deswegen aber keineswegs als konservativ. «Wir hören Musik, benutzen Internet und arbeiten mit Powerpoint», sagt er. Und neuerdings lasse er sich im Auto von einem Navigationsgerät ans Ziel führen. «Wir sind keine Amischen», sagt seine Frau.

Ihre Gemeinschaft lebe von Menschen, die sich dafür engagierten, sagt Houmard. Es sei klar, dass Pierre Alain Schnegg, der viele Verpflichtungen wahrzunehmen habe, nicht alle Aktivitäten der Gemeinschaft mitmachen könne. Und doch sei er regelmässig zur Stelle. Dann ziehe er eine Schürze an und helfe in der Küche. «Das zeugt von Demut», sagt Daniel Houmard.

Der Bund

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