«Ich setze den Kindern keine pfannenfertigen Ideen vor»

Die Berner Kulturvermittlerin Meris Schüpbach begeistert Kinder aus bildungsfernen Familien und Flüchtlingskinder für Kunst.

Im bunten Reich der Kinder: Meris Schüpbach (mit rotem Schal).

Im bunten Reich der Kinder: Meris Schüpbach (mit rotem Schal).

(Bild: Valérie Chételat)

Markus Dütschler

Wie trockene Schwämme sind sie, die Flüchtlingskinder im Künstleratelier in der Alten Feuerwehrkaserne Viktoria: Sie sind hellwach, saugen alles auf und sind fasziniert von allem Neuen, was die Künstler Piotre Tollik und Teddy Wassmer mit ihnen erfinden.

Mit ihnen bemalen sie Teile einer Wurfspielanlage, Figuren für einen Töggelikasten und eine Märmelibahn, die auf bunt bemalten Veloanhängern als mobile Attraktion zu Spielplätzen und Quartierfesten tingeln wird.

Die Aufregung ist gross beim Fototermin, alle wollen auf dem Kameradisplay überprüfen, ob sie auf dem Bild zu sehen sind. Als der «Bund»-Besuch auf dem Laptop den Nahen Osten als Landkarte auf den Bildschirm holt, scharen sie sich um das Gerät. «Ich Iran», sagt ein Mädchen. «Ich Irak», ein anderes.

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Kurden hat es, Eritreer. «Syrien», sagt ein Bub. «Mach Aleppo», fordert er den Besucher auf. Wie gewünscht zoomt dieser den Norden Syriens heran, und automatisch erscheint auch ein Bild von Aleppos Grosser Moschee. Die Gesten des Buben verraten, dass er das Gebäude kennt. Ob es heute noch so aussieht wie auf dem Bild? Mitten in der Kinderschar steht Meris Schüpbach, seit 35 Jahren als Kunstvermittlerin in Bern tätig.

Die Kinder hängen an ihren Lippen, wenn sie, die Projektleiterin, etwas erklärt. Offenbar verstehen sie das meiste, egal ob hochdeutsch oder zwischendurch Dialekt gesprochen wird, dabei sind sie erst einige Wochen in Bern. Bei Schüpbachs Projekten treffen oft ortsansässige mit fremden Kindern zusammen, was den Spracherwerb beschleunigt.

«Es darf auch einmal etwas ‹abverheien›.»Meris Schüpbach

Die 1952 geborene Schüpbach hat viel Erfahrung in der Kulturvermittlung – mit Kindern und Erwachsenen. Seit einem guten Jahrzehnt leitet sie das Projekt Kidswest in Bethlehem und Bümpliz, ein Atelier, in dem derzeit mit dem Künstler David Zehnder eine Gruselbahn entsteht. Auch das Artlabor by kidswest.ch in der Stadt Bern ist ihr «Baby».

Die Zusammenarbeit mit Künstlern und Künstlerinnen ist bei ihr eine Konstante. Mit ihnen führt sie Kinder ans kreative Schaffen heran, gerade auch solche, in deren Elternhäusern sich im Bücherregal keine Hochglanzkunstbände türmen. Die Begeisterung mache auch sie glücklich, bekennt Schüpbach, die für ihre Projekte schon mehrmals mit Preisen ausgezeichnet worden ist.

Besonders freue es sie, wenn frühere Projektteilnehmer wieder mitarbeiteten. Über die Jahre sei ein Netzwerk entstanden, und viele Kinder fühlten sich als Teil einer Gruppe. Das sei auch bei den Flüchtlingen in der Feuerwehrkaserne so, die aus verschiedensten Kulturen stammen. «Ich setze den Kindern keine pfannenfertigen Projekte vor», betont Schüpbach.

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Es sei ein «work in progress»: Eine Idee führe zur nächsten, alle beteiligten sich, probierten aus und tasteten sich gemeinsam zu einer Lösung durch. «Es darf auch einmal etwas ‹abverheien›.» Es gebe nichts Schlimmeres, als wenn ein Kind gesagt bekomme: «Du kannst überhaupt nicht zeichnen.» Leider kämen solch frustrierende Aussagen auch heute noch im Schulbetrieb vor.

Schüpbach weiss aber, dass manche Lehrkräfte sehr offen sind für Kulturvermittlung und diese auch engagiert betreiben. Wenn ein Kind hingegen bei einem wenig interessierten Lehrer sei, habe es Pech. Ihr Wunschtraum sind daher Künstlerateliers in unmittelbarer Nähe zu Schulen, die von den Klassen niederschwellig aufgesucht werden können.

«So könnte Kunst- und Kulturvermittlung endlich ganz einfach zum Normalfall werden.»Die Kinder bringen Schüpbach zuweilen auf Ideen, die sie von allein nicht gehabt hätte.

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So ergab sich vor Weihnachten die Gelegenheit, mit Flüchtlingskindern das Märchen vom Rumpelstilzchen im Theater National in Bern zu besuchen. «Ich dachte, das sei vielleicht langweilig für die Kinder, weil sie nichts verstehen.» Doch die jungen Zuschauer seien hin und weg gewesen und hätten daraufhin beschlossen, selbst Theater zu spielen.

Schüpbach überlegt nun, wie das am Besten gehen könnte. In welcher Sprache würde das Stück aufgeführt? Welche gestalterischen Einfälle braucht es, damit auch fremdsprachige Eltern etwas verstehen? Schüpbach hat schon eine Idee, welche Theaterfachperson ihr dabei helfen könnte.

Der Bund

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