«Ich interpretiere das traditionelle Handwerk neu»

Die Kunstglaserin Maya Manz macht Möbel und Wohnaccessoires aus Spiegeln und Glas. Damit hält sie ein aussterbendes Handwerk am Leben.

Licht ist wichtig im Atelier von Maya Manz.

Licht ist wichtig im Atelier von Maya Manz. Bild: Franziska Rothenbühler

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Der Beruf von Maya Manz stirbt aus. Die Kunstglaserei gilt als gefährdetes traditionelles Handwerk. In diesem Jahr schliessen in der Deutschschweiz gerade mal zwei Lernende die Ausbildung ab. Zwei haben sie letztes Jahr begonnen. In der Schweiz gibt es weniger als 50 Ateliers und Betriebe. Doch Manz hat eine Nische gefunden. Die Kunstglaserin stellt Möbel und Wohnaccessoires mit den Materialien und Techniken ihres Handwerks her: kleine Regale aus Glas und Spiegeln, Tische mit Tischplatten aus Spiegeln mit bunten Mustern verziert oder Spiegel, die wie von einer feinen milchigen Spitze eingerahmt werden.

«Ich interpretiere das traditionelle Handwerk neu», erklärt sie. Mit dieser Haltung versucht Manz, neue Wege zu gehen. Die traditionelle Kunstglaserei stellt Kirchenfenster und Familienwappen her, doch diese sind nicht mehr so gefragt. Die Weiterentwicklung des Handwerks biete angehenden Kunstglasern neue Berufsaussichten, sagt Manz. «Man muss das Material auch für anderes brauchen.» Nur so bleibe die Kultur des Handwerks künftig erhalten. Maya Manz hat ihren Beruf vor 30 Jahren in Italien gelernt. Dort sei er noch weiter verbreitet, sagt sie. «Die Italiener mögen es, wenn das Licht indirekt in den Raum gezogen wird.» Daher werde farbiges Glas oft in Treppenhäusern, aber auch in privaten Wohnungen eingesetzt. «Das macht das Licht schwächer und wärmer.» Zudem seien Spiegel sehr beliebt, um auch in die hinteren Teile der Wohnung Licht zu lenken oder um mit Lichtreflexen zu spielen. «Das geht auf die Renaissance zurück», erklärt Manz.

Berufswahl aus Zufall

Damals seien ganze Wände mit Spiegeln verkleidet worden, um das Licht im Raum besser zu verteilen. «Leider ist das in der Architektur etwas vergessen gegangen.» Vor allem in der Schweiz sei der Architekturstil eher nüchtern. Architekten setzten im Moment zwar viel Glas ein. «Aber man könnte mit Glas und Spiegeln die unterschiedlichsten Stimmungen und Farben erzeugen», sagt die 52-Jährige mit rollendem R in einem nicht zuschreibbaren Akzent. Auch mit Mustern, die durch Sandstrahlen entstehen, werde nicht mehr experimentiert. «Das Verspielte und Träumerische ist nicht in Mode.»

Maya Manz lebt seit neun Jahren wieder in der Schweiz. Sie kam der Liebe wegen nach Burgdorf. Und auch weil sie in Mailand wegen der Finanzkrise ab 2008 nicht mehr genügend Aufträge hatte. Aufgewachsen ist Manz in Zürich und im Tessin. Daher spricht sie den Schweizer Dialekt fliessend und doch in ungewohnter Art – etwas langsamer, ein wenig unsicher: «Ich habe alle Schulen auf Italienisch besucht.»

Der Neuanfang in der Schweiz war nicht einfach. «Zu Beginn kauften die Schweizer meine Sachen nicht.» Zum Überleben suchte sie sich einen Nebenjob in einem Berner Geschäft. Dort durfte sie auch ihre kleineren Möbel ausstellen und verkaufen. Erst nach und nach seien die Kunden auf den Geschmack gekommen. «Ich musste lernen, was sie wünschen, und sie gewöhnten sich langsam an den neuen Stil.» Anders als in Italien, wo grosse opulente Möbel beliebt seien, möge das Schweizer Publikum lieber kleine Regale und bunte Spiegel. «Damit richten sie sich eine Ecke ein, die sie an den Süden und die Ferien erinnert», vermutet Manz. Das Experimentelle gehöre aber weniger zum Konzept in Schweizer Wohnungen.

Kunstglaserin sei sie übrigens eher zufällig geworden, sagt Manz. «Ich wollte nach der Matur ein Handwerk lernen, wusste aber nicht welches.» Eine Freundin habe ihr ein Praktikum bei einem Kunstglaser in Mailand vermittelt. «Zuerst wollte er mich abwimmeln, aber dann hat er meine Hände gesehen», erzählt sie. Sie habe die Hände einer Arbeiterin, habe er zu ihr gesagt und sie während dreier Wochen im Betrieb zusehen lassen. «Ich durfte aber nur den Boden reinigen.» Trotzdem wollte sie bleiben, als er ihr ein Praktikum und später eine Stelle anbot.

Schritt für Schritt habe sie das Handwerk gelernt: Glasschneiden, Löten, Zusammensetzen. Schliesslich absolvierte Manz in der Schweiz die Berufsprüfung und erlangte das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis. Heute ist sich Manz sicher, dass sie nur mit Glas arbeiten könnte. «Aber vielleicht habe ich es in 30 Jahren Arbeit einfach lieben gelernt», sagt sie, zuckt mit den Schultern und lacht hell. (Der Bund)

Erstellt: 07.05.2018, 06:49 Uhr

Traditionelles Handwerk

Vor zehn Jahren hat sich die Schweiz in einem Unesco-Übereinkommen verpflichtet, das «immaterielle Kulturerbe» zu bewahren. Dazu gehören auch traditionelle Handwerkstechniken wie zum Beispiel die Kunstglaserei. In einer Studie wurde 2011 untersucht, welche Handwerkstechniken in der Schweiz als traditionell gelten und ob sie vom Aussterben bedroht sind. 307 Handwerksberufe wurden erfasst. Davon sind 23 bereits ausgestorben und 79 gelten als stark gefährdet.

Zu diesen gehört der Beruf des Bleiglasers, der farbige Glasstücke in Bleistreifen fasst und zusammensetzt. Etwas weniger gefährdet ist der Beruf des Glasmalers. In der Schweiz sind die beiden Berufe heute in einer vierjährigen Ausbildung vereint. Viele Schweizer Kunstglas-Betriebe bieten beide Handwerkstechniken an.

Maya Manz wendet Techniken des Bleiglasers an und setzt verschiedene Glasstücke neu zusammen. Zudem bearbeitet sie Glas mit dem Sandstrahler, wodurch sie milchige Muster anbringen kann. Sie verkauft ihre Werke im Atelier in Burgdorf oder im Berner Küchen-Laden an der Postgasse.

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