«Ich hatte Tränen in den Augen»

Nach dem historischen Gewinn des Meistertitels lässt «Der Bund» die Fans des BSC Young Boys sprechen.

Viele verschiedene Emotionen, aber eines ist allen Fans gemein: Die Freude über den Meistertitel.

Viele verschiedene Emotionen, aber eines ist allen Fans gemein: Die Freude über den Meistertitel. Bild: Raphael Moser

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Charles Beuret, Leiter YB-Museum

«Ein grosser Markstein»

Das ist nun schon der sechste Meistertitel, den ich mit den Young Boys erleben darf. Dieser hat aber eine ganz andere Bedeutung. Die vier Titel in den 60er- Jahren waren praktisch selbstverständlich. Der Titel 1986 kam eher überraschend und hat in Bern nicht allzu viel ausgelöst. Bei diesem Titel ist das nicht so. Er ist ein grosser Markstein in der Clubgeschichte der Young Boys. Daher ist die Euphorie deutlich grösser. Dieses entscheidende Spiel hätte kaum eine bessere Dramaturgie haben können.

Wie die Vergangenheit zeigt, werden solche Spiele nicht zwangsläufig gewonnen. Daher habe ich über 90 Minuten stark mitgefiebert. Ich war keiner der Fans, die nach dem Schlusspfiff auf das Feld gerannt sind. Ich habe in der Champions Lounge auf die Mannschaft angestossen und mir mit viel Stolz das Geschehen im Stadion angeschaut. Wo nun der Meisterpokal stehen wird, muss noch entschieden werden. Zuerst wird er sicher in der Spielerkabine stehen, dort gehört er ja auch hin. Später muss er aber auch für die Fans zugänglich gemacht werden.


Susanne Galli, YB-Fanshop

«Ich hatte Tränen in den Augen»

Meine Stimme ist noch etwas rau. Es war ja auch ein langer Tag. Vor dem Spiel arbeitete ich im Fanshop. Es war mehr los als sonst. Aber so ist es schon die ganze Woche gegangen. Alle, die noch keinen Schal oder kein T-Shirt hatten, haben sich noch welche besorgt. Jetzt wird das wohl bis zum Cupfinal so bleiben. Auch nach dem Spiel arbeitete ich wieder im Fanshop. Als Nsame das entscheidende Tor schoss, war mir klar, dass es viel zu tun geben wird. Schliesslich gab es dann die Meisterschals und T-Shirts zu kaufen. Wie viele wir abgesetzt haben, weiss ich nicht.

Aber es waren viele, das hat man dann im und ums Stadion deutlich gesehen. Als ich mit der Arbeit fertig war, war bereits Mitternacht. Dann feierte ich mit meinen Mitarbeitern in der Champions Lounge. Die Spieler waren leider nicht mehr da. Es wurmt mich schon etwas, dass ich die Szenen nach dem Schlusspfiff verpasst habe. Als ich um 6.30 Uhr nach Hause kam, schaute ich mir daher das Spiel noch einmal an. Da hatte ich Tränen in den Augen. Ich konnte es so richtig geniessen.


Christian Zingg, Zum Runden Leder

«Es war völlig surreal»

Der Schlusspfiff ertönte und ich fühlte absolut nichts. Er hat bei mir einfach nichts ausgelöst. Die Emotionen kamen dann aber doch noch – mit Verzögerung. Nach zwei Minuten habe ich geweint. Es war alles völlig surreal. Ich habe mir die Bilder nochmals im TV angesehen und verstehe immer noch kaum, was da passiert ist. Auch, nachdem ich mir das Siegestor und die Phase bis zum Schlusspfiff gut 20 bis 30 Mal angeschaut habe. Es ist wie in einem Traum. Fussballer sagen nach grossen Siegen oft, dass sie ihre Gefühle kaum beschreiben können.

Ich dachte immer, die können sich einfach nicht so gut ausdrücken. Jetzt weiss ich, dass das nicht stimmt. Nach dem Spiel ging ich an die Geburtstagsfeier meiner Freundin. Da waren mehrheitlich fussballfremde Gäste. Ich konnte ihnen nicht erklären, wie ich mich fühle. Ein solcher Sieg ist wirklich kaum zu beschreiben. Komischerweise hatte ich kein Bedürfnis nach Alkohol. Die Eindrücke waren stark genug. Hätte ich die Nacht mit meinen Kollegen vom Runden Leder verbracht, hätte ich heute bestimmt keine Erinnerungen mehr.


Kathrin Brodbeck, Pfarrerin in Moosseedorf

«Das hätte ich nicht gedacht»

Ich habe keine Gala erwartet, aber auch nicht so ein Geknorze. Das machte mich sehr nervös. Es fehlte die Lockerheit, die YB diese Saison so oft zeigte. Das hat sich auch auf das Publikum übertragen. Viele um mich herum waren vor dem 2:1 schon wieder unzufrieden. Die Szenen nach dem Schlusspfiff waren dann aber sagenhaft. Ich habe zwar vermutet, dass mir eine Träne runterlaufen wird, doch ich hätte nicht gedacht, dass ich gleich so losheulen würde. Da wurde ich richtig vom Moment überwältigt. Danach ging ich auf das Spielfeld, habe gesungen, getanzt und Bier getrunken. Auf dem Feld war es wahnsinnig hell und es herrschte eine ganz besondere Stimmung. Um 2.30 Uhr ging ich dann noch ins Stadtzentrum. Aber ehrlich gesagt, war ich von der Feier dort etwas enttäuscht. Ich hätte mehr erwartet. Nur auf dem Kornhausplatz war so einigermassen etwas los. Sonst war es eher ruhig. So landete ich schlussendlich in der Cuba-Bar und wartete, bis der erste Zug fuhr. Zum Glück musste ich am Sonntag keinen Gottesdienst leiten.


Brian Ruchti, Radio Gelb-Schwarz

«Bier brennt in den Augen»

Das war das intensivste Spiel mit positivem Ausgang, das ich je erlebt habe. Der gehaltene Penalty von Wölfli, das Tor in der 89. Minute – Hollywood hätte das nicht kitschiger hingekriegt. Dann kam der Schlusspfiff und alles, was sich über die Jahre als YB-Fan angestaut hatte, war weg. Wir haben die Spieler am Spielfeldrand interviewt und unsere Glückwünsche ausgesprochen. Danach gingen wir in die Spielerkabine. Ich habe gleich mehrere Bierduschen abgekriegt und verstehe, wieso manche Spieler Skibrillen getragen haben.

Bier brennt in den Augen. Ich habe die Mannschaft noch nie so euphorisch gesehen. Das ist natürlich verständlich. Wir als Fans haben auf das Spiel ja keinen Einfluss. Die ganze Verantwortung bleibt an der Mannschaft hängen. Und diese Verantwortung konnte heute endlich abgelegt werden. Es wurde eine lange Nacht. Ich habe das Stadion eigentlich nie verlassen und war in verschiedenen Räumen unterwegs. Lo und Leduc haben im dritten Stock spontan ein Konzert gegeben. Erst gegen 6 Uhr morgens kam ich nach Hause.


Oli Kehrli, Chansonnier

«Ich habe viele Leute umarmt»

Es war ein Spiel, dessen Verlauf nicht einmal Hitchcock besser hätte orchestrieren können. Ich habe aber den Glauben bis zum Schluss nicht verloren. Mein Feuer hat nie aufgehört zu brennen. Nach dem Schlusspfiff musste zuerst einmal ein Schrei heraus, der 32 Jahre Sehnsucht in sich getragen hat. Es war ein Augenblick purer Glückseligkeit. Es war sehr emotional, diesen Moment mit Freunden zu erleben, mit denen ich schon lange an die YB-Spiele gehe. Ich habe in dieser Nacht viele Leute umarmt, die ich seit drei Jahrzehnten durch Matchbesuche kenne.

Ich freute mich, zu sehen, wie sich Fans, die praktisch ihr ganzes Leben den Young Boys widmen, das erleben konnten. Später ging ich in die Stadt und landete in diversen Bars. Es war bereits hell, als ich nach Hause kam. Am Sonntag habe ich einen Song zum Meistertitel veröffentlicht. Es ist keine Erfolgshymne. Für mich ist YB immer auch mit etwas Sehnsucht verbunden. Am Sonntag habe ich die Meisternacht mit Freunden und ein paar Bier verarbeitet. Ich bin mir aber immer noch nicht schlüssig, was dieser Titel genau bedeutet.

(Der Bund)

Erstellt: 29.04.2018, 21:53 Uhr

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