«Ich geniesse jeden Tag so, wie er ist»

Der 35-jährige Christian Gehrig ist schwer herzkrank, möchte aber trotzdem noch einmal mit einem Helikopter fliegen.

Berge als Kraftort: Christian Gehrig in Hünibach am Thunersee.

Berge als Kraftort: Christian Gehrig in Hünibach am Thunersee. Bild: Adrian Moser

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Über den Tod zu reden, ist nicht leicht – oft sogar ein Tabu. Christian Gehrig sitzt in einem vegetarischen Berner Restaurant und spricht dennoch darüber. Vielleicht, weil er dem Tod schon oft sehr nahe war. Denn Gehrig kam mit einem sehr komplexen Herzfehler auf die Welt und hat schon viele Operationen hinter sich. Vereinfacht spricht man von einem «halben Herzen», in der Fachsprache von einem «Double outlet right ventricle». Oft sterben bei diesem Herzfehler Kinder schon bald nach der Geburt. Auch Gehrig wurde vorausgesagt, dass er wohl nicht lange leben würde. Aber er hat gekämpft. Mittlerweile ist er 35 Jahre alt.

«Ich kann mich erst entscheiden, wenn es so weit ist», sagte Christian Gehrig beim letzten Treffen. Es war die Antwort auf die Frage, ob es sein Wille sei, noch ein letztes Mal operiert zu werden, auch wenn er dies vielleicht nicht überleben würde. Was sagt er heute? Gehrig hat sich mit der Frage des letzten Willens eingehend beschäftigt und eine Patientenverfügung ausgefüllt. Ärztinnen und Ärzte wollen ihn nämlich nicht mehr operieren, da dies zu riskant wäre.

In der Verfügung hält er fest, was mit ihm passieren soll, wenn der Tag X kommt und er selber nicht mehr entscheiden kann. Zum Beispiel will er, dass er nur vorübergehend mit Nahrung und Flüssigkeit versorgt wird, wenn sich abzeichnet, dass sich sein Zustand verschlechtern würde. Eine Organspende wäre zu gefährlich, denn er brauchte nicht nur ein neues Herz, sondern auch eine neue Leber, die durch die Krankheit ebenfalls geschädigt ist. Er trinke aber trotzdem ab und zu ein Glas Wein, das lasse er sich nicht nehmen. «Aber ich war in meinem ganzen Leben noch nie betrunken», betont er.

Gehrig will den Ärzten und den Angehörigen die schwierige Entscheidung abnehmen, was mit ihm im Ernstfall geschehen soll. Dies rät er auch Menschen, die gesund sind. «Es kann jeden treffen, nicht nur die Kranken.» Auch im Familienkreis hat er die Erfahrung gemacht, wie schwierig es ist, wenn man über das Leben eines Angehörigen entscheiden muss.

Die Berge sind ein Kraftort

Der Mann mit den schmalen Schultern und der ruhigen Stimme steht mitten im Leben. In seinem Alter kommen nicht viele auf die Idee, eine Patientenverfügung zu machen. Was geht ihm da durch den Kopf? Darauf hat er keine Antwort. «Ich bin mit meinem Gebrechen aufgewachsen und habe gelernt, damit zu leben», sagt der Mann aus Hünibach. Und: «Ich geniesse jeden Tag so, wie er ist.» Das tut er am liebsten beim Wandern, wenngleich sein Hobby wegen seiner schlechter werdenden Gesundheit zu kurz kommt. Mittlerweile mache er nur noch einstündige Wanderungen, die ihn nicht zu arg beanspruchten. Die Berge bleiben für ihn ein Kraftort, so etwa das Gasterntal bei Kandersteg.

«Ich bin mit
meinem Gebrechen aufgewachsen und habe gelernt,
damit zu leben.»

Im Winter fahren viele in die Berge zum Skifahren. Für Gehrig ist dies keine Option. Das habe er schon im Kindesalter aufgegeben, da der Höhen- und Druckunterschied zu heftig gewesen sei. «Mir fehlte auch die Kraft für den Sport.» Auch beim Wandern merke er den Druckunterschied, da müsse er behutsam vorgehen und nicht zu weit hinaufgehen. Dennoch hat er sich letztes Jahr einen Traum erfüllt: Er flog in einem Helikopter mit. Der Pilot durfte nicht zu hoch fliegen und musste wegen des Druckunterschieds langsam steigen. «Das will ich noch einmal erleben», schwärmt Gehrig. So ist es sein grösster Wunsch, einen Panoramaflug über das Berner Oberland zu machen. In normale Passagierflugzeuge steige er nicht, weil diese viel höher flögen. «Ich müsste die Risiken zuerst abklären.»

Nicht allein

In seiner Jugend hat Gehrig den Beruf des Servicefachangestellten erlernt. Doch im März des letzten Jahres hat er seine 50-Prozent-Stelle im Restaurant Bodehüttli in Adelboden gekündigt. Der Stress in dem Job sei nicht mehr tragbar für ihn, denn das Risiko einer Komplikation steige mit dem Arbeitsdruck enorm. Heute lebt Gehrig von einer IV-Rente, Ergänzungsleistungen und der Unterstützung seiner Eltern. Er ist froh, dass er nicht allein leben muss. Im Jahr 2012 erlitt er nämlich eine Hirnblutung, und hätten die Eltern ihn nicht gefunden, wäre er heute nicht hier. (Der Bund)

Erstellt: 04.02.2019, 06:32 Uhr

In guten Zeiten entscheiden, was in schlechten geschieht

Was soll mit mir geschehen, wenn ich so krank bin, dass ich nicht mehr selber entscheiden kann? Mit dieser Frage beschäftigt sich Christian Gehrig. Aber nicht nur Schwerkranke, sondern auch Gesunde sollten eine Patientenverfügung ausfüllen, wenn sie ihren letzten Willen festhalten wollen. Darin kann man zum Beispiel festlegen, ob man reanimiert werden möchte oder nicht. Ein Vorsorgeauftrag regelt, wer für den Patienten die Entscheidungen treffen darf, wenn die Person diese nicht mehr selber fällen kann. Eine Umfrage der Pro Senectute von 2017 zeigt, dass solche Verfügungen in der Schweiz nicht sehr verbreitet sind. Nur jeder Fünfte hat eine Patientenverfügung und nur jeder Zehnte einen Vorsorgeauftrag erstellt. Im Alter von 18 bis 39 Jahren haben gerade drei Prozent einen Vorsorgeauftrag ausgefüllt. Viele kennen dieses Instrument nicht einmal: So gaben 35 Prozent an, noch nie von einer Patientenverfügung gehört zu haben, beim Vorsorgeauftrag war es gar über die Hälfte.

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