«Ich finde das unmenschlich»

Alle Versuche, eine Ausbildung zu machen, wurden Syam Yousufa zunichte gemacht. Eigentlich müsste er die Schweiz verlassen – eine Schweizer Familie stärkt ihm aber den Rücken.

Syam Yousufa aus Afghanistan blickt in eine unsichere Zukunft. Sein Asylgesuch ist abgewiesen – aufgeben möchte er aber nicht.

Syam Yousufa aus Afghanistan blickt in eine unsichere Zukunft. Sein Asylgesuch ist abgewiesen – aufgeben möchte er aber nicht. Bild: Franziska Rothenbühler

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Syam Yousufa sitzt am Tisch im Burgerspittel beim Bahnhof in Bern. Er trägt ein Hemd, eine Sonnenbrille und Sandalen mit Socken. In einwandfreiem Berndeutsch schildert der Afghane sein Problem: Eigentlich müsste er das Land schon lange verlassen haben.

So lautet die Geschichte aus Yousufas Sicht: Der Gouverneur der Provinz Balch, Atta Mohammed Noor, trachtete Yousufas Familie nach dem Leben. In der Heimatstadt Masar-i-Sharif habe sein Vater einen riesigen Bazar besessen, den der Gouverneur für sich wollte.

2004 wollte der damalige Präsident von Afghanistan, Hamid Karzai, den Gouverneur absetzen, jedoch ohne Erfolg. Der Gouverneur nennt sich König des Nordens und sieht sich als unantastbar. 2013 flüchtete Yousufa mit 17 Jahren über die Balkanroute nach Europa. In Mazedonien erwischte ihn die Polizei, und man habe ihn verprügelt, bevor man ihn wieder zurückgeschickt habe, erzählt er.

Zweimal die Lehre verloren

Also suchte er sich einen neuen Schlepper. Diesmal nahm er die gefährlichere Reise über das Meer auf sich. In der Schweiz stellte er an der Grenze mündlich sein Asylgesuch.

In den ersten drei Monaten darf ein Asylsuchender in der Schweiz nicht arbeiten. Direkt danach suchte sich Yousufa eine Lehrstelle als Detailhandelsassistent. Er erhielt eine Arbeitserlaubnis und begann seine Lehre 2016 in einem Berner Quartierladen an der Schosshaldenstrasse. Nach einem Jahr war aber schon wieder Schluss: Der Laden ging in Konkurs. Er liess sich nicht beirren und suchte sich einen neuen Arbeitsplatz. 2017 fand er eine Lehrstelle bei Coop in Worb als Detailhandelsassistent. Coop bestätigt schriftlich die Anstellung von Yousufa.

«Wir bedauern, dass der Vertrag aufgrund eines Schreibens vom SEM aufgelöst werden musste.»Coop-Medienstelle

Zur selben Zeit wurde sein Asylgesuch vom Staatssekretariat für Migration (SEM) abgelehnt. Dort kaufte man ihm seine Geschichte nicht ab. Auch die Ausweisung in seine Heimat war aus Sicht des SEM zumutbar: Der Ausschaffung stand nichts mehr im Wege – auch weil er vor Bundesverwaltungsgericht verlor. Da mit einem negativen Entscheid und einer Ausweisungsverfügung auch die Arbeitserlaubnis erlischt, verlor er seine Stelle. «Wir bedauern, dass der Vertrag aufgrund eines Schreibens vom SEM aufgelöst werden musste», schreibt Coop dazu. Aktuell beschäftigt sich Yousufa zwar. Er arbeitet freiwillig auf einem Bauernhof und anderthalb Tage im Tiefenauspital. Zudem kann er an anderthalb Tagen das Gymnasium besuchen, damit er ein wenig Tagesstruktur hat. Trotzdem fühle er sich wie «ein faules Mitglied der Gesellschaft», das nichts zur Allgemeinheit beitrage, auch wenn er viel mache. Aufgeben möchte er aber nicht. «Ich habe so viel Gas gegeben», sagt Yousufa. Seine Stimme zittert. Er habe sein Bestes gegeben, um sich zu integrieren.

Dass mitten in der Lehre ein negativer Entscheid kommt, versteht er nicht: «Ich finde das einfach unmenschlich.» Dass er immer noch hier ist, verdankt er einer Schweizer Familie, die ihn aufgenommen hat. «Sie haben mich wie ihr eigenes Kind behandelt», sagt er dazu. Die Familie zahlt ihm die Anwältin und die Verfahrenskosten für ein zweites Asylgesuch. Trotzdem steht er nun ohne Ausbildung da. Hätte das SEM ihn nicht die Lehre beenden lassen können?

«Zu einer glaubwürdigen Asylpolitik gehört, dass jene Leute, die den Schutz der Schweiz nicht benötigen, das Land auch wieder verlassen», schreibt das SEM, ohne auf den Einzelfall einzugehen.

Wie sicher ist seine Heimat?

Eigentlich beträgt die Schutzquote bei den Afghanen rund 90 Prozent. Das heisst, dass lediglich jeder zehnte Asylsuchende ausgewiesen wird, da bei den meisten aufgrund der schlechten Sicherheitslage in Afghanistan eine Wegweisung nicht zumutbar ist. Yousufa kommt jedoch aus einer der wenigen Regionen, die das SEM als sicher einstuft. Zudem verfügt die Familie von Yousufa über ein Vermögen, wie er sagt. Dies gilt für das SEM als weiterer Grund für eine zumutbare Ausweisung.

Anders sieht das die Flüchtlingshilfe. Sie verweist auf Medienberichte, die zahlreiche Anschläge und Gewalttaten in Masar-i-Sharif aufzeigen. «Bis 2016 galt Masar-i-Sharif noch als sicher», schreibt die Flüchtlingshilfe auf Anfrage. Das sei aber heute nicht mehr der Fall. 2016 verübten die Taliban einen Bombenanschlag auf das deutsche Generalkonsulat, 2017 griffen sie den Armeestützpunkt in der Nähe der Stadt an. «Grundsätzlich befindet sich das Land in einem Bürgerkrieg.»

Yousufa möchte auf keinen Fall wieder nach Afghanistan. «Ich kann nicht zurück», sagt er. Seine Familie sei aufgrund seiner Flucht in Schwierigkeiten geraten und wolle nicht, dass er zurückkehre. Seine Eltern seien mittlerweile auch nicht mehr in Afghanistan. Überprüfen lassen sich seine Aussagen nicht. Sollte auch das zweite Gesuch von Yousufa abgelehnt werden, bleibt ihm aber noch ein letztes Rechtsmittel: der Härtefall. Darüber entscheidet dann der Kanton. Entscheidend für eine Aufnahme ist, wie gut sich jemand integriert hat. (Der Bund)

Erstellt: 06.08.2018, 06:34 Uhr

Viele Flüchtlinge sind ohne Arbeit

10 Jahre nach ihrer Ankunft in der Schweiz sind immer noch 50 Prozent der definitiv aufgenommenen Flüchtlinge ohne Arbeit, bei den vorläufig aufgenommenen sind es sogar 70 Prozent. Das belastet die Sozialhilfe, weshalb der Bund auch Massnahmen ergriffen und zum Beispiel eine Integrationslehre initiiert hat.

Trotzdem gibt es für arbeitswillige Asylbewerber zahlreiche Hürden zu überwinden. Vorläufig Aufgenommene bleiben laut der Schweizerischen Flüchtlingshilfe im Schnitt etwa 10 Jahre in der Schweiz. Trotzdem fehlt oft die Gewissheit, wie lange sie bleiben können. Ein Arbeitgeber kann sich wie im Fall des Afghanen Syam Yousufa (siehe Text oben) nicht darauf verlassen, ob und wie lange er seinen Mitarbeiter behalten kann.

Die «Aargauer Zeitung» berichtete letztes Jahr von einem äthiopischen Asylbewerber, der eine Lehrstelle antreten wollte. Dann bekam er einen negativen Asylentscheid mit einer Wegweisung, sodass er die Lehre nie beginnen konnte.

Im November 2017 berichtete die Zeitung von einem Afghanen, der ebenfalls seine Lehrstelle nicht antreten konnte, weil die bürokratischen Hürden zu hoch waren – obwohl er eine Arbeitserlaubnis hatte. (cse)

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